Spiegelgrund-Überlebende erzählen

  • Videointerviews mit ZeitzeugInnen der Wiener Jugendfürsorge

    Zwölf Überlebende der Wiener Spiegelgrund-Anstalten sowie anderer Heime und Lager erzählen ihre Lebensgeschichten. Thematisiert werden Kindheitserinnerungen zwischen Austrofaschismus und Nationalsozialismus, geprägt von den schwierigen sozialen Umständen der Zeit, von belastenden Familienverhältnissen und von der Lieblosigkeit und Gewalt in den Heimen. Die Berichte machen deutlich, mit welcher Brutalität die nationalsozialistische Jugendfürsorge gegen gesellschaftliche Außenseiter vorging, aber auch wie stark die Kontinuitäten nach 1945 waren.Die ungeschnittenen Videoaufzeichnungen und Transkripte dieser Interviews werden im Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes für zukünftige Forschungs- und Vermittlungsarbeit aufbewahrt. Für die in der Ausstellung im Otto Wagner-Spital sowie online zugänglichen Fassungen der Gespräche wurde eine Auswahl aus insgesamt 45 Stunden Videomaterial getroffen und mit Untertiteln versehen.         
  • Alfred Grasel

    „Hunger war immer“

    Geboren als uneheliches Kind 1926. Von der Mutter wegen Obdachlosigkeit mit 14 Tagen weggegeben und anschließend in verschiedenen Heimen untergebracht. Ab 1932 bei Pflegeeltern, die ihn am 13. Mai 1938 als „schwer erziehbar“ in ein Kinderheim einweisen ließen. Erneut verschiedene Anstaltsaufenthalte, schließlich 1941 in der Erziehungsanstalt Am Spiegelgrund. Mit 16 Jahren, am 1. Oktober 1942, Deportation ins Jugend-KZ Moringen. Zwangsarbeit in unterirdischer Munitionsfabrik. Von einem Aufseher schwer verletzt, nach der Befreiung langer Krankenhausaufenthalt. Nach 1945 zunächst als Hilfsarbeiter und Bauschreiber tätig, schließlich Hoteldirektor.                      
  • Karl Hamedler

    „Ich habe meine Hiebe gekriegt, das habe ich nicht mehr ertragen.“

    1930 als uneheliches Kind in Wien geboren, wo er bei seinem Vater aufwuchs. Nach Misshandlungen durch den Vater 1942 von zuhause weggelaufen, aufgegriffen und auf den Spiegelgrund (Pavillons 15 und 17) gebracht. 1943 ins Erziehungsheim Mödling verlegt, danach weitere Anstaltsaufenthalte. Später entlassen und 1944 als Flak-Helfer eingesetzt. 1945 desertiert. Nach dem Krieg Gelegenheitsarbeiten, danach Tischlerlehre.               
  • Karl Jakubec

    „Die haben sich nicht interessiert, wie es uns Menschen geht, sondern die haben sich interessiert, was kann ich bei dem ausprobieren, was kann ich weiter forschen.“

    Geboren 1939 in Wien. Wurde noch als Baby den Eltern abgenommen und zur Beobachtung auf Pavillon 15 der Anstalt Am Spiegelgrund eingewiesen. Danach Aufenthalte in verschiedenen Kinderheimen (Kinderübernahmsstelle Lustkandlgasse, Kinderheim Frischau bei Znaim). 1944 erneut auf den Spiegelgrund verlegt, danach in eine Anstalt in Hütteldorf. Im August 1945 erneut auf den Spiegelgrund. 1955 mit 16 Jahren aus der Heimerziehung entlassen. Später für die Gemeinde Wien tätig.            
  • Rudolf Karger

    „Ich habe keinen Tag erlebt ohne Strafe“

    Geboren 1930 als uneheliches Kind in Wien, Ottakring. Die Mutter verstarb 1936, der Vater kümmerte sich nicht um die Kinder. Aufgewachsen in extrem beengten Verhältnissen bei der Großmutter. Im März 1938 wurde ein Onkel verhaftet und nach Dachau deportiert. Wegen Misshandlungen durch einen anderen Onkel mit elf Jahren zunächst in die Kinderübernahmsstelle, nach zwei Wochen Beobachtung am 1. September 1941 für ein Jahr auf den Spiegelgrund. Nach einem Fluchtversuch schwere Misshandlungen und einige Wochen zur Beobachtung auf Pavillon 15 oder 17, danach in der Strafgruppe auf Pavillon 11. Von September 1942 bis Juli 1943 in der Erziehungsanstalt Mödling. Von dort zu einer Pflegefamilie in Südungarn, bis er vor der herannahenden Roten Armee nach Wien floh. Kurz vor Kriegsende entzog er sich der Einberufung zur Heimatflak und schlug sich bis zur Befreiung durch. Nach der Befreiung beim Schleichhandel mit Saccharin erwischt und für vier Jahre in Kaiserebersdorf interniert. Nach der Entlassung 1950 Schneiderlehre, arbeitete in verschiedenen Berufen, unter anderem am Theater an der Wien.            
  • Alois Kaufmann

    „Ich war eine Sache, sonst nichts.“

    Alois Kaufmann
    Geboren 1934 in Graz als uneheliches Kind. Die Mutter gab ihn zur Betreuung in ein Kloster, später verschiedene Pflegefamilien in Wien. Von dort aus unbekannten Gründen in die Kinderübernahmsstelle überwiesen und weiter auf den Spiegelgrund, Pavillons 15 und 17. Blieb dort bis zur Befreiung interniert. Nach dem Krieg war Kaufmann in der SPÖ organisiert und setzte sich unermüdlich für die Aufarbeitung der Verbrechen am Spiegelgrund ein. Er ist Autor mehrerer Bücher und Theaterstücke, in denen er seine Erlebnisse verarbeitete.              
  • Leopoldine Maier

    „Und der Begriff „unwertes Leben“, das ist mir immer noch im Ohr.“

    Leopoldine-Maier
    Geboren 1935 in Wien. Die Mutter hielt den Vater geheim, vermutlich wegen dessen jüdischer Abstammung. 1943 Überstellung auf den Spiegelgrund, wo sie die Mutter nur sehr selten sehen durfte. 1944 konnte die Mutter die Entlassung vom Spiegelgrund durchsetzen, 1945 jedoch erneut Internierung in einer Erziehungsanstalt. Nach 1945 Krankenschwester in Wien.          
  • Ernst Pacher

    „Und das Problem war, dass wir sie nachher wieder gesehen haben, dieselben Erzieherinnen, Erzieher sind wieder in den Heimen gewesen.“

    Ernst Pacher
    Geboren 1935 in Wiener Neustadt. Der Vater, aktiv in der Kommunistischen Partei, war längere Zeit arbeitslos und ging 1938 auf der Suche nach Arbeit nach Berlin, wo er verstarb. Da sich die Mutter nicht mehr um ihn kümmern konnte, gab sie ihn mit viereinhalb Jahren in ein katholisches Kinderheim in Baden, das 1940 von einer nationalsozialistischen Organisation übernommen wurde. Bis Sommer 1943 in dem Heim, danach zurück zur Mutter. Im Frühjahr 1944 wurde er dabei erwischt, wie er einem feindlichen Flieger zuwinkte, daraufhin Überweisung in die Kinderübernahmsstelle und anschließend Spiegelgrund. Im April 1945 Evakuierung bzw. Flucht der Heimkinder nach Bayern. Nach dem Krieg noch bis 1949 im Heim, später Schlosserlehre in Mürzzuschlag. Vier Kinder.          
  • Ferdinand Pauer

    „Alles vergittert, alles versperrt, kein Kontakt zur Außenwelt, kein gar nichts.“

    Geboren 1930 in Wien. Der Vater verstarb bei einem Arbeitsunfall. Die Mutter war arbeitslos und konnte die drei Kinder nicht versorgen. Nach einer verzweifelten Selbstmorddrohung wurde sie in der psychiatrischen Anstalt „Am Steinhof“ untergebracht, die drei Kinder von der Jugendfürsorge übernommen. Aufenthalt in verschiedenen Heimen, schließlich 1942 Überstellung auf den Spiegelgrund. Im Dezember 1945 ins Erziehungsheim Mödling verlegt, wo er bis zur Volljährigkeit blieb. Danach Arbeit bei ÖBB und Post.        
  • Franz Pulkert

    „Und die Gewalttätigkeit, das war damals üblich.“

    Franz-Pulkert
    Geboren 1938. Die Mutter wanderte einige Monate nach seiner Geburt nach Lübeck aus und ließ ihn in Wien zurück, der Vater war beim Militär. Die ersten sechs Lebensmonate verbrachte er im Zentralkinderheim in der Bastiengasse. Danach über die Kinderübernahmsstelle in der Lustkandlgasse zu Pflegeeltern im Burgenland. Nach zwei Jahren für einige Zeit zum Vater und dessen neuer Frau, die ihn nach der Geburt eines weiteren Kindes allerdings neuerlich an die Jugendfürsorge übergaben. Mit ca. drei Jahren auf den Spiegelgrund, unter anderem Pavillon 15. Nach zwei Jahren Aufenthalt entlassen. Im Dezember 1944 ein weiteres Mal auf den Spiegelgrund, wo er die Befreiung erlebte. Nach 1945 bis zur Volljährigkeit in Heimen in Wimmersdorf und Eggenburg. Nach diversen beruflichen Tätigkeiten 38 Jahre lang Fahrer bei den Wiener Linien. Seit 47 Jahren verheiratet, eine Tochter.    
  • Ferdinand Schimatzek

    „Da habe ich mich schon immer gefürchtet und geschaut, dass ich nicht anecke.“

    Geboren 1939 in Amstetten. Den Vater lernte er nie kennen, er verstarb 1943. Die Mutter brachte ihn mit drei Monaten auf Druck der Umgebung in die Kinderübernahmsstelle, von dort nach dreimonatigem Aufenthalt zu einer Pflegefamilie im Bezirk St. Pölten, danach wieder kurz bei der Mutter. Im Oktober 1943 wegen „Erziehungsschwierigkeiten“ in die Nervenklinik für Kinder Am Spiegelgrund. Im Jänner 1945 Kinderheim Pötzleinsdorf. Nach dem Krieg bis 1953 weitere Heime (Hinterbrühl, Mödling), danach Schlosserlehre. Schließlich bis zur Pension Karriere beim Bundesheer. Zwei Kinder.    
  • Karl Uher

    „Wir haben immer den schwarzen Wagen hereinfahren sehen, aber wir haben nicht gewusst, dass das sterbende Kinder sind.“

    Geboren 1932 in Wien. Wurde im Alter von einigen Monaten in die Kinderübernahmsstelle in der Lustkandlgasse gebracht. Danach bei mehreren Pflegefamilien, zuletzt in der Steiermark. Wurde dort fälschlicherweise der Brandstiftung beschuldigt und im August 1940 auf den Spiegelgrund überstellt. 1941 nach Ybbs und 1942 nach Mödling verlegt, danach bis 1951 zeitweilig zuhause und in verschiedenen Heimen, unter anderem zwei Jahre in Kaiserebersdorf. Ab 1953 berufstätig bei der Gemeinde Wien, unter anderem als Betriebsleiter im Wiener Hafen.      
  • Friedrich Zawrel

    „Die Kinder in meiner Klasse haben das gewusst, die haben von Konzentrationslagern geredet, nur dürften damals alle Erwachsenen taub gewesen sein.“

    Geboren 1929 in Lyon, aufgewachsen in Wien. Da die Mutter obdachlos wurde, ab 1935 bei Pflegeeltern untergebracht, ab 1938 in verschiedenen Heimen: Zentralkinderheim Wien, Erziehungsanstalt Mödling, danach wieder bei seinen leiblichen Eltern. Aufgrund des Alkoholismus seines Vaters als „erbkrank“ kategorisiert, wird er schließlich auf den Spiegelgrund überstellt, wo er zunächst neun Monate interniert bleibt. Danach in verschiedenen Heimen: Dreherstraße/Wien, Ybbs/Donau, Mödling sowie wiederum Spiegelgrund, Pavillon 17. 1944 mit Hilfe einer Krankenschwester geflohen, jedoch wieder aufgegriffen. Bis zur Evakuierung der Anstalt im März 1945 Haft in Kaiserebersdorf. 1975 wegen Diebstahls vor Gericht, wo er Dr. Heinrich Gross, der inzwischen als Gerichtsgutachter tätig ist, erneut gegenübersaß. Groß verwendete für sein Gutachten Passagen aus Zawrels Spiegelgrund-Akte. Einweisung in die Strafanstalt Stein, erst 1981 nach öffentlicher Debatte und zwei Prozessen um die Rolle von Heinrich Gross entlassen. Durch viele Jahre als Zeitzeuge tätig, seine Geschichte wurde die Grundlage für Bücher, Filme, Theaterstücke und ein Puppenspiel. Friedrich Zawrel ist am 20. Februar 2015 in Wien verstorben.