Interview Friedrich Zawrel

Ich bin 1929 in Lyon in Frankreich geboren. Meine Mutter ist aus Wien weggegangen, weil es damals die fürchterliche Arbeitslosigkeit gegeben hat und so, um 1929, und sie hat dann in den Seidenspinnereien von Lyon Arbeit gekriegt, da bin ich auf die Welt gekommen. Aber das war damals so, wenn die Arbeit fertig war, haben alle Gastarbeiter wieder heimfahren müssen. Also ich kann schon sagen, ich war schon ein Gastarbeiterkind, da hat es noch keinen Mehmet und keine Fatima in Wien gegeben, nicht. Und jetzt ist meiner Mutter nichts anderes übrig geblieben, als wiederum in das gleiche Elend zurückzukommen, das sie so fluchtartig verlassen hatte. Und das im Einzelnen zu erzählen, das wäre irrsinnig lang. Da gibt es so viel, aber nur, ich möchte nur sagen, ich bin eigentlich nur ein Straßenkind gewesen. Ich habe auf der Straße gelebt, um mich hat sich kein Mensch gekümmert.

Nun, und im ’35er Jahr dann hat meine Mutter den Zins nicht mehr zahlen können. Sagen Sie das heute einem Schüler in der Schule. Wir haben dort acht Schilling Zins gezahlt, und meine Mutter hat die acht Schilling im Monat nicht auf die Seite legen können.

In Kaisermühlen haben wir gewohnt. Die hat das nicht zusammengebracht. Ja, wovon? Das bisschen, das sie für Waschen und für Fensterputzen gekriegt hat, da ist [sich] ein bisschen Essen ausgegangen, was sie immer gekauft hat und so. Ja, und jetzt sind wir halt delogiert worden. Ich werde den... Wissen Sie, meine Mutter war irgendwie ein ganz ein armer Teufel. Einen wackeligen Tisch hat sie gehabt, und einen wackeligen Kasten. Drei so alte Betten, wo ihre Brüder noch geschlafen haben, und, da ist es ja zugegangen... Und wie die dann gekommen sind – als Kind habe ich das nicht verstanden, aber gesehen habe ich es, und in späteren Jahren habe ich es dann auch verstanden, was da geschehen ist. Die haben dieser Frau das bisschen Hab und Gut, das sie gehabt hat, ganz einfach auf die Straße hinausgeworfen, und... ich kann es auch gar nicht mehr sagen. Ich kann mich nicht erinnern, dass ich zu meiner Mutter sagen hätte können: „Pfiat di God“ [Gott behüte dich], und bin wieder zu mir gekommen in der Kinderübernahmsstelle. Und, in der Kinderübernahmsstelle, das glaubt man nicht, da habe ich geglaubt, ich bin im Paradies. Weil da habe ich nach Langem wieder einmal ein ganz reines Bett gehabt, da habe ich mich duschen können, da habe ich etwas zum Essen bekommen. Also, und da ist die Spieltante gekommen, und ganz einfach alles...

Also und nach 14 Tagen oder drei Wochen oder vier Wochen, das kann ich nicht auf den Tag genau sagen, haben wir in so einen Raum gehen müssen, der eigentlich leer war, nur an der Mauer, rundherum, sind Bänke gestanden, und da haben wir Kinder uns draufstellen müssen. Damals habe ich es auch nicht verstanden, später erst, als ich über das alles nachgedacht habe. Da sind die lieben Menschen gekommen, haben dich angegafft, als ob sie im Tierhaus, im Tierasyl sich einen Hund aussuchen würden. Und die haben geschaut, und die... Na, und so ist es dann bei uns gekommen..., Heilinger hat diese Frau geheißen, war ganz gut gekleidet und alles, aber ich glaube, Herz für Kinder hat die keines gehabt, weil sonst hätte sie das nicht machen können, was sie gemacht hat.

Na und weil sie unbedingt meinen Bruder haben wollte, hat sie mich eben auch mitgenommen, und jetzt kann sich ja jeder vorstellen, wie es mir bei den Pflegeeltern gegangen ist. Weil ich war ihnen egal, ich war nur eine Geldeinnahmequelle.

Also im ’36er Jahr, also 1936 habe ich bei den Heilingers das erste Mal den Namen Adolf Hitler gehört. Und wie die gestritten haben. „Der Messias“ und was weiß Gott was. Die haben sich schon alle gefreut, weil die haben geglaubt, jetzt wird ihnen dann das deutsche Militär wahrscheinlich diese Gulaschkanonen in den Hof hineinstellen, nicht. Und, also sie waren wirklich eingestellt, also pro Adolf Hitler.

Dann ist der Einmarsch gekommen. Ich bin damals schon, glaube ich, in die erste oder zweite Klasse gegangen, und jedenfalls bei uns... Ich bin schon in der Schuschnigg-Zeit noch in die Schule gekommen, und immer wenn wir in die Klasse gekommen sind, wir haben ein großes Kruzifix hängen gehabt, und da ist immer ein Vaterunser gebetet worden vor dem Unterrichtsbeginn, und eines nach dem Unterrichtsbeginn. Und, außerdem, das war so komisch, der Herr Bodoschek, das war so quasi mein Pflegegroßvater, der hat mir immer erzählt von Hitler, immer, jedes Mal [wenn] ich mit ihm auf der Bank im Garten gesessen bin, hat er mir nur von Hitler erzählt: „Na jetzt wird es eh besser werden und alles, und jetzt kommt der Hitler, der wird es ihnen schon zeigen.“

Und da habe ich dann eigentlich in der Schulklasse den ersten Schock, wenn man so will, im Dritten Reich, erlebt. Wir sind im Klassenzimmer gewesen, wir haben ein Vaterunser gebetet, der Unterricht hat angefangen, und vielleicht eine Stunde später ist der Schuldiener gekommen, mit einer Leiter ist er hinaufgestiegen zum Kruzifix, hat es heruntergenommen, der hat es nicht heruntergegeben, der hat es abgehängt und hat es auf den Boden geworfen. Und da ist das..., überhaupt Jesus Christus, nicht, ich weiß nicht, was das für ein Material war, der ist ja viel..., das ist ja viel..., wie sagt man, der Jesus Christus ist in alle Teile zerbrochen. Na, ich habe jetzt momentan an die Frau Bodoschek gedacht, ja, ich habe jetzt geglaubt, also jetzt müssen, so wie bei der Kreuzigung, müssen jetzt tausende Engel kommen und das rächen. Nichts ist gekommen, nichts ist gekommen. Na, und dann habe ich noch gesehen, der Schuldiener hat so einen kleinen Wagen mitgehabt, das war ein Mistwagen, dort hat er es hineingeworfen und hat es weggeführt. Und ab diesem Tag hat es auch kein Vaterunser gegeben, das Vaterunser haben sie reduziert auf zwei Worte: „Heil Hitler!“

Und wie der Hitler gekommen ist, war ich ja nicht mehr lange draußen bei den Heilingers. Und da bin ich ihnen auch einmal davongelaufen, und da hat mir ihr Bruder – das kann ich bei allen Eiden schwören, ich habe es nicht gemacht – der hat dann gesagt, ich habe ihm aus seinem Nachtkästchen 30 Reichsmark herausgenommen. Was hätte ich denn mit den Reichsmark machen sollen? Ich habe ja gar nicht gewusst, wie man mit Geld umgeht und so. Ich habe nur..., in meiner Dummheit, in meiner damaligen Dummheit, bin ich nur davongerannt von den Heilingers und habe mir gedacht, irgendwo in Wien muss ich meine Mutter finden. Na ich meine, wenn man heute daran denkt, muss ich, obwohl es so traurig war, heute muss ich lachen. Ein kleiner Bub rennt in eine Millionenstadt und will suchen, wo seine Mutter wohnt, und der kennt keine einzige Gasse. Ja, bis zum Rennweg bin ich gekommen, dann hat mich die Polizei geschnappt, dann haben sie mich wieder zurückgeführt, na, und – dann haben sie mich wieder in die Lustkandlgasse gebracht, in die Kinderübernahmsstelle.

Na und in der Übernahmsstelle, wie ich über die Prozedur..., und nach der Übernahmsstelle bin ich ins Zentralkinderheim gekommen. Und wenn einmal einer Heime erlebt hat, das merken die meisten Erwachsenen ja gar nicht, wie das ist, so ein Gruppenleben, schon unter Kindern, ja, das weiß niemand. Weil Sie müssen sich einmal vorstellen, da sind 25 Kinder in einer Gruppe, und von den 25 bekommen 20 jede Woche einen Besuch. Da kommt entweder die Mama, oder da kommt der Papa, da wird ein bisschen etwas zum Naschen mitgebracht und so. Und dann hast du fünf drinnen oder was weiß Gott, sechs, zu denen kommt niemand mehr. Und ich möchte gerne sehen, wie Erwachsene so eine Behandlung ertragen würden, das möchte ich gerne sehen, nicht. Die haben nicht einmal zu Weihnachten eine Karte gekriegt.

Ich bin dann nach Hause gekommen und bin in der Hörnesgasse in die Schule gegangen. Und in der Hörnesgasse, da sind alle Buben schon in der Hitlerjugend-Uniform gekommen, also Deutsches Jungvolk, weil für die Hitlerjugend waren wir noch zu jung. [Zum] Deutschen Jungvolk sind die meisten schon gekommen. Und die noch keine Uniform gehabt haben, die haben zumindest das Abzeichen getragen, und ich habe gar nichts gehabt. Wissen Sie, wie mich die sekkiert haben?

Ich habe alles über mich ergehen lassen. Die haben brüllen können, die haben schreien können. „Jud“ haben sie mich geschimpft. „Vielleicht darf der Jud nicht in die Hitlerjugend.“ Der andere hat wieder geschrien: „Na ja, ein Jud kann er nicht sein, weil sonst wäre er schon in einem Konzentrationslager.“ Und nachher, nach dem Krieg, ist mir das immer eingefallen: „Ja wir haben es nicht gewusst, ja wir haben es nicht gesehen.“ Ja, gar nichts haben die gehört, überhaupt nichts. „Wir haben nicht einmal gerüchteweise gehört, dass es Konzentrationslager gibt.“ Die Erwachsenen. Die Kinder in meiner Klasse haben das gewusst, die haben von Konzentrationslagern geredet, nur dürften damals alle Erwachsenen taub gewesen sein.

Na, und ich bin dann bei meinen Eltern nicht mehr in die Schule gegangen, und es hat gedauert... Meiner Mutter habe ich den Schulbesuch vorgaukelt. Ich bin den ganzen Tag in Wien umher, dadurch habe ich ja eigentlich so viel gesehen und das, in Wien.

Und, ja, und da haben sie mich dann in ein Auto gesetzt, haben mich wieder in die Kinderübernahmsstelle geführt, und von der Kinderübernahmsstelle bin ich auf den Spiegelgrund gekommen.

Der Tagesablauf, der war, ich glaube um sieben Uhr, nein sechs Uhr, glaube ich, war Wecken. Dann Zähneputzen und – Zähneputzen und Waschen, dann zurückgehen, Bettenbau. Ich habe ja als kleiner Bub schon das Bett selber bauen müssen, Bettenbau machen. Na und dann, je nachdem, welche Schwester Dienst gehabt hat, die eine hat, [was] weiß ich, vielleicht oft einmal etwas vorgelesen, dann, eine Schwester haben wir gehabt, da hast du den halben Vormittag singen müssen, nicht, das war so ein kleines Nazifräulein, und die hat immer nur wollen hören: „Deutsch ist die Saar, deutsch immerdar.“

Und sie haben dich auch erniedrigt. Ich will ja das gar nicht sagen, ich will das gar nicht, ich weiß nicht. Ich muss mir das überlegen, ob ich das sagen soll, weil das haben Erwachsene gegenüber Kindern gemacht, angeblich in einem Jugendfürsorgeheim. Mit der Unterhose hat man hingehen müssen, und die hat geschaut, ob man sie beschmutzt hat. Wissen Sie, wie das ist, wenn du das einmal, nein, man darf über das nicht reden, weil dann kannst du es nicht, dann kannst du es ganz einfach nicht begreifen. Und, ja, und wenn du dann fertig warst, da hat es dann das Nachtmahl gegeben. Und da haben sie dann noch ein bisschen herumgetollt, Fangen gespielt und weiß ich, was [es] da alles für Spiele gegeben hat. Draufhauen und hinhauen und..., ich habe mir von dem allem nichts gemerkt, also und dann war Nachtruhe, und so ist das - so ist das immer jeden Tag immer der gleiche Ablauf gewesen. Aber insgesamt war ich am Spiegelgrund damals, glaube ich, neun Monate.

Ja, und dann bin ich gekommen vom – vom Spiegelgrund in die Dreherstraße, und da sind alle Kinder zusammengezogen worden, wo die Väter entweder schwere Kriminelle waren oder schwere Alkoholiker. Für die Herren Herrenmenschen, für die Herren Herrenmenschen waren diese eigentlich unschuldigen Kinder „erblich schwerstens belastet und minderwertig für die Volksgemeinschaft“, so hat das damals geheißen.

Na, und ich bin dann von der Dreherstraße nach Ybbs an der Donau gekommen. Das ist ein Ding, ein – psychiatrisches Krankenhaus, und gehört aber auch heute noch der Gemeinde Wien. Und warum ich da hingekommen bin, ich weiß nicht.

Ich war auf einer Gruppe untergebracht, da war die Gruppe, das war so ein langer Gang, da war dann unsere Gruppe, dann hat es einen Platz gegeben für das Stiegenhaus, und da hat es dann einen Platz gegeben, so wie er da war, war er drüben auch, aber nur dort war er mit einem riesigen Gitter abgesichert. Die haben solche Stäbe gehabt, die Gitter. Und da waren, ich bringe es nicht einmal..., „Geisteskranke“, ich sage immer nur „Kranke“. Und da waren immer diese kranken Menschen drinnen, dann, einmal sind sie weggekommen, einmal sind sie gekommen, und das Erste, was ich gesehen habe war, damals, einen Saal, da hätte nicht einmal mehr wer umfallen können. Die haben die Leute hineingepresst, die haben sie hineingepresst in den Raum. Und nur die Gesichter oder die Menschen, die am Gitter gestanden sind, da hast du das Gesicht wahrnehmen können, und sonst nichts mehr, da hast du nur mehr gesehen entweder kahlen Kopf oder behaarten Kopf, oder wie man das halt so will. Und ich bin überzeugt davon, von Sitzen war keine Rede, hat da keine Rede gewesen sein können, weil da haben sie keinen Platz gehabt, so zusammengepfercht waren die, von Liegen schon gar nicht. Und da, das ist wie eine filmreife Szene gewesen. Da ist auch noch so eine Kette gehängt: „Übertreten der Sperre verboten.“ Und bei dieser Sperre bin ich gestanden und habe so hineingeschaut, ich habe das nicht fassen können, dass es so etwas gibt. Und da ist ein eigentlich noch jüngerer Mensch dort bei der Tür gestanden, ich weiß nicht, der hat eigentlich ein schönes Äußeres gehabt, an dessen Gesicht hast du nichts gemerkt, dass er – dass er irgendwie geistig behindert war, oder was weiß Gott, und er hat auch nicht verkrüppelt ausgeschaut. Und der ist gestanden und hat auch immer hergeschaut, und ich habe auch immer hingeschaut, und jetzt macht der das, über das habe ich lange nicht reden können. Hat er seine Hände so durch die Gitterstäbe gegeben, hat sie gefaltet wie zu einem Gebet, und hat nur geschaut. Der hat nichts geredet. Der hat nur geschaut. Und ich habe dann so gemacht [zuckt mit der Schulter], was willst du, ich weiß ja nicht... Also, und da ist er dann..., hat er das dann geöffnet, die Hand ist so heruntergefallen, und dann, das hast du schon gesehen, so richtig mit Mühe hat er sie zum Mund gebracht. Und jetzt habe ich gewusst, der will etwas zum Essen. Und in der Jugendabteilung, wenn wir alles haben müssen, aber hungern nicht. Und da sind immer Brotreste in den Laden gelegen, die sind hart geworden, und weiß Gott was alles. Na jetzt bin ich in die Jugendabteilung hineingegangen, habe mir ein Tuch gesucht und habe das ganze Brot, das ich finden habe können, habe ich da hineingegeben. Was hat mich die Sperre gekümmert dort, ich bin darübergestiegen und habe dem Menschen das gebracht.

Heute, mit dem Wissen, würde ich das nicht mehr machen. Ich habe damals ein Schreien ausgelöst, da kann man ruhig sagen, es wird niemand nachmachen können, dieses Schreien. Ich habe durch das Stadion schreien gehört, und das Wiesen-Fest, und was weiß Gott was alles, und am Sportplatz habe ich Brüllen gehört, aber so was nie. Nie, wie die geschrien haben. Und dann, erst viel später, da habe ich gewusst, so können nur Menschen schreien, die krank sind und die wissen, oder vielleicht ahnen, was mit ihnen geschieht. Und ich bin hingegangen zu dem und habe ihm das so durch die Gitter gezwängt, so..., weil es ein bisschen zu viel war. Und da habe ich eben dieses Schreien ausgelöst. Das ist so grausam gewesen, das kann sich kein Mensch vorstellen, wie grausam die Streitig[igkeiten] war[en].. Von den paar Brotbrocken hätte jeder etwas haben wollen, das muss ja wie ein Lauffeuer da durchgegangen sein.

Na, und ich war halt natürlich sehr bald überführt als Übeltäter. Und jetzt waren es auch zwei Männer... Weil nach 1945 hat ja jeder gesagt: „Wir haben ja nur unsere Pflicht getan“, ja. Und jetzt sind zwei Brocken von Männern... haben mich dann genommen, denen bin ich nicht einmal bis zur Gürtellinie gegangen, die haben mich gehaut, dass ich geglaubt habe, meine letzte Stunde ist da. Ja, sie haben nur ihre Pflicht erfüllt. Und da hat es dann noch eine Tür gegeben, da hat es eine Wendeltreppe gegeben, und die ist hinuntergegangen in den Zellentrakt. Da hat es einen eigenen Zellentrakt gegeben, der eh irgendeinmal so... Heute haben sie Ding..., aus diesen Zellen haben sie heute Wohnräume gemacht, aber, ich habe mir das angeschaut. Und dort haben sie mich hinuntergebracht. Ich habe geblutet von der Nase, in die Beine haben sie mich getreten, ich weiß nicht. Und dann, das war ihnen immer noch zu wenig, unten haben sie mich auf einen Tisch geworfen, dann haben sie noch ihre Schlagstöcke genommen und haben mir das Gesäß zusammengeschlagen, ich habe nicht sitzen können, dann ist eine Tür aufgemacht worden, so eine Zellentür, eine Tür aus Stein, so wie ein Grabstein, und dann noch ein Gitter. Und in dieser Zelle war alles aus Beton. Sogar das Bett – Beton, und die Kopfpolsterauflage auch. Und da oben, ganz oben, war ein kleiner Schlitz, da ist ein bisschen Luft hereingekommen, Licht nicht viel, weil da ist zu wenig durchgegangen. Na, und, ich bin in dieser Zelle drinnen gesessen und habe gejammert, es hat alles so weh getan! Ich habe einem Menschen ein Brot gegeben, und wegen dieser Untat – sie haben das Untat genannt – und wegen dieser Untat haben sie mich so behandelt. Und dann bin ich..., dann ist endlich einer gekommen, nach, ich weiß nicht, wie lange ich drinnen war, drei Tage oder fünf Tage, ich habe nur auf dem Bauch liegen können, ich habe nicht sitzen können, gar nichts. Und damals war ich 13 Jahre alt! Und dann ist einmal die Zellentür aufgegangen, und – da habe ich müssen zum Arzt, dem Arzt vorgestellt werden. Sie sollen sagen, was sie wollen, ich bin… Sicherlich, es stimmt, dass der Heinrich Groß im November ’40 oder irgendetwas auf den Spiegelgrund gekommen ist, das stimmt schon, aber er war fallweise auch in Ding, in Ybbs, weil diese Abteilung war ja doch quasi eine Außenstelle vom Spiegelgrund. Und er hat mich nicht mehr erkannt, als er mich gesehen hat. Und mit mir hat er ja kein Wort geredet, nur mit dem Erzieher Supperer, der mich am meisten geschlagen hat. Und da hat er gemeint, wir können wieder auf die Gruppe gehen, und da habe ich dann gesagt zu ihm: „Herr Doktor, bitte können Sie mir etwas geben. Wenn ich die Unterhose anziehe, ich reiße das immer auf, das bleibt immer kleben und so.“ – „Nein, das ist nicht notwendig. Es soll schon ein bisschen wehtun, lange wehtun, denn dann merkst du dir besser, dass so etwas verboten ist, was du getan hast.“ Ich habe einem bittenden Menschen, einem Kranken, ein paar Brotreste gegeben, und das war im Dritten Reich ein Verbrechen. Und der Supperer ist dann wieder zu mir, mit mir zu dieser Jugendgruppe gekommen, und da bin ich wieder an dem Saal vorbeigegangen, aber jetzt hat es mich schon geschüttelt. Jetzt habe ich erst gesehen, wie groß dieser Saal eigentlich war, nur er war leer. Und wenn mich heute einer fragt, also was mir persönlich nähergegangen ist, wenn man so will, der volle oder der leere Saal, werde ich immer sagen, der leere Saal. Nicht, weil da sind mir die Worte vom Spiegelgrund wieder eingefallen: „Die Nazi bringen alle Depperten um.“ Das ist ja dort Gesprächsstoff gewesen. Jedenfalls dieses Ybbs, das gehört wohl zu den traurigsten Erinnerungen an meine Jugendzeit im Nationalsozialismus.

Dann hat die deutsche Wehrmacht das beschlagnahmt, und ich bin wieder nach Mödling gekommen, in die Erziehungsanstalt.

Und ich weiß aber nicht warum, ich bin in Mödling in die Aufnahmekanzlei gekommen, und von dort sofort in die Strafgruppe. Ich weiß nicht warum. Und in dieser Strafgruppe haben die zwei Erzieher Gager und Storch geheißen, da war alles abgesperrt, da hast dich auch nur so beschäftigen müssen, oder hat der manchmal so Bastelarbeiten machen lassen, jedenfalls es war eine grausame Zeit, und ganz, ganz, schlimm war dieser Storch.

Und jetzt hat man die Raffeisiade verschulden können. Und das war die Erfindung eines Erziehers, der auch nur seine Pflicht getan hat, und der hat Ferdinand Raffeis geheißen. Und da hat man, wenn man etwas nicht gewusst hat... Sie haben nur bei einem gefragt, und wenn der eine das nicht gewusst hat, ist die ganze Klasse drangekommen, also die ganze Gruppe drangekommen. Und, da hat er sich bis auf die Unterhose ausziehen müssen, und dann so „Froschhüpfen“, meine ich..., wissen Sie was ich meine, so froschhüpfend an ihm vorbei, einmal den linken Fuß heben, einmal den rechten Fuß heben. Da hat der dann mit so einem Stöckerl draufgehaut, dass es ziemlich wehgetan hat, und wir haben das dann „Raffeisiade“ genannt, nicht. Und ich habe nie so eine „Raffeisiade“ verschulden wollen, und deswegen habe ich gelernt. Ich habe mir immer alles noch einmal vorgesagt, und bevor ich eingeschlafen bin auch noch einmal, was hat der alles gesagt und so, und trotzdem ist es mir auch passiert. Weil das haben sie gerne gemacht: Entweder war es zwei in der Früh oder vier in der Früh, oder zehn in der Nacht, das war ganz egal. Da ist einer gekommen, entweder der Glaubenkranz, der Storch oder der Gager, hat die Decke weggerissen und, zum Beispiel, den schlaftrunkenen Buben angebrüllt: „Wann wurde unser Führer geboren?“ Und wehe, der hat nicht gesagt, am 20. April 1889. Eine zögernde Antwort, sogar eine zögernde Antwort ist mit Nicht-Wissen gleichgestellt worden. Und am nächsten Tag ist die ganze „Raffeisiade“ an dieser Gruppe vollzogen worden. Und das hat mich so bestimmt: lerne, lerne, lerne, lerne. Und höre bei allem zu, dass du das ja nicht einmal verschuldest. Und mir ist es halt auch passiert, der reißt mir – ich weiß nicht, ich glaube, zwei in der Früh war es – der reißt mir die Decke weg und brüllt mich an: „Wie hieß die Mutter des Führers mit ledigem Namen?“ – „Klara“, das ist mir ja gleich gekommen. Aber statt „Pölzl“, das wäre richtig gewesen, Pölzl, habe ich „Pölzlinger“ gesagt. Und dann ist es am nächsten Tag losgegangen. Und der nächste Tag, den könnte ich eigentlich als Gedenktag machen, da habe ich beschlossen, erschlagt mich, ich will nicht mehr. Und ich habe das Essen weggegeben, also wenn sie mir etwas zum Essen gegeben haben, das habe ich nicht genommen oder habe die Schüssel umgeworfen. „Aufstehen!“, ich bin liegen geblieben. Also, die haben mich gehaut, die haben mich geschlagen, die haben alles, was sie zusammengebracht haben... Und wie sie gesehen haben, dass das dann alles sinnlos ist, dann haben sie das in der Direktion wahrscheinlich gemeldet und so, und ich habe zu einem Psychiater gehen müssen. Und ich habe mir dann gedacht, egal was sie mit mir machen, schlimmer als hier kann es nicht mehr sein. Und ich habe mich ziemlich oft in meinem Leben geirrt, aber das war auch ein Irrtum.

Und am nächsten Tag hat mich der Gager schon zusammengepackt, so ein Ding hat er mir gegeben, na, so ein Spagatband, mit Hölzchen drauf, da hat er mich so gehalten, und da sind wir dann auf den Steinhof hinaufgefahren, also auf den Spiegelgrund.

Also wie ein Stück Vieh haben sie mich da auf den Pavillon 17 gezerrt, und als ich drinnen war, im Pavillon, habe ich die Erste über den Schädel bekommen, die war so eine Verkehrte von hinten, dass ich geglaubt habe, der Schädel reißt mir ab, nicht. Na, und da bin ich dann gekommen in eine Abteilung für Jugendliche, da war kein einziger krank. Die waren geistig voll da, die waren körperlich voll da, die waren direkt durchtrainierte Sportler, und weiß Gott was. Aber nur sind sie als schwer erziehbar eingestuft worden, und die Jugendlichen, und in diese Gruppe bin ich auch gekommen, sind nur zur Beobachtung hingekommen, und dann hat der Doktor Illing ein Gutachten geschrieben.

Und wenn der hingeschrieben hat: „Der Jugendliche ist nicht mehr erziehbar“, dann hat es nur mehr eine Möglichkeit gegeben: von dort nach Moringen. Und dieses Moringen, das haben nur die Wenigsten überlebt. Wenn man ein paar Jahre dort war, und es ist nichts vorgefallen, dann hat man können – das weiß ich nur von..., wie mir das der Dietrich erzählt hat – bedingt entlassen werden, aber die meisten sind jämmerlich verreckt in dem...

Na und ich habe jetzt gedacht, ist auch unüberlegt, heute würde ich das nicht mehr machen, weg, weg, weg. Und ich habe gesehen, da sind dieselben Gitter, so, und wenn man schon keine Patrone gehabt hat, und man hat sich drei Hölzchen zugeschnitzt und hat die drei Hölzchen hereingesteckt, da hat man es auch aufsperren können. Und da habe ich mir dann einen gefunden, von dem ich geglaubt habe, er ist vernünftig, und habe ihn eingeweiht. „Ja, ja, ja, ja, ja.“ Und wahrscheinlich hat er mich an den Pfleger Lasser verraten, nur damit er nicht nach Moringen kommt, anders kann ich mir das nicht vorstellen, weil, ich habe den kaum eingeweiht in das, sind zwei Pfleger gekommen, das war links und rechts eine Ohrfeige, dann haben sie mich hinaufgezerrt in den ersten Stock. Die Zelle gibt es heute noch, aber heute ist das ein schöner Wohnraum für Patienten. Und, haben mich hinaufgezogen, da habe ich mich total nackt ausziehen müssen, dann habe ich so ein Spitalshemd und Pantoffeln bekommen, und sonst nichts. Und dann bin ich in eine Zelle hineingekommen, da war nichts. Kein Sessel, kein Tisch, kein Bett, nur in der Ecke ein Nachttopf, das war so meine Klosettanlage. Und die Fenster – die haben sie auch weggemacht, die gibt es heute auch nicht mehr –, die waren mit den alten Gittern, und dann haben sie an diese Fenster neue gemacht, Gitter, das war so ein Bandeisen, und die hat man mit tosischen Schlössern zusperren können, die hast du nicht mehr aufgebracht. Aber das Grausamste war, die haben Milchglasscheiben gehabt. Du hast nicht einmal hinausschauen können, nicht. Und, in der Nacht haben sie mir eine Matratze gegeben zum Niederlegen. Die habe ich in der Früh wieder hinausgeben müssen, na, und dann bin ich immer hin und her gegangen. Wie einer im Gefängnis. Fenster und Tür, Fenster und Tür. Kein Buch, gar nichts. Nur, hinausgekommen bin ich nur, wenn sie so irgendwie Behandlungen gemacht haben. Sie haben, warte, wie haben…, ich weiß nicht, wie sie geheißen haben, Pen...? Zu der Therapie hat es angeblich gehört, nicht. Erstens einmal habe ich die ersten paar Tage oder so 14 Tage lang, drei, vier, manchmal fünf und manchmal ein Pulver bekommen. Und ich habe die immer genommen, die habe ich immer am Abend bekommen. Und da bin ich dann immer so müde geworden, ich habe oft nicht einmal stehen können, so müde bin ich auf die Pulver hin geworden. Und eines Tages habe ich meinen ganzen Mut zusammengenommen und habe zum Pfleger gesagt: „Herr Pfleger, warum muss ich denn die Pulver nehmen. Ich bin doch nicht krank.“ Sehen Sie, und das war auch das Erbärmlichste. Ich habe als Jugendlicher so viele negative Begegnungen mit Erwachsenen gehabt. Und da hat er gesagt: „Also wenn du es nicht willst, nimmst du es nicht.“ Wissen Sie, so erbärmlich dreckig, dass sich ein Mensch einem Wehrlosen gegenüber so verhält, dass er sich so verhält. Aber das ist ja alles erst viel später in mein Hirn hineingekommen. „Also dann nimmst du es eben ganz einfach nicht.“ Und wie der die Tür zugemacht hat, habe ich gesagt: „Fritzl, was bist du für ein Trottel. Warum hast du es nicht schon längst gesagt.“ Ich habe das noch nicht fertig gedacht gehabt, ist die Tür aufgegangen, zwei Pfleger sind gekommen, prack, prack ist es gegangen, ich bin am Bauch gelegen, da haben sie mir die Hände bis auf den Kopf hinaufgedreht, die Füße bis auf den Kopf hinaufgedreht, der Schwerste hat sich draufgelegt, und der Dvorčak hat mir bei den Nasenlöchern den Mund aufgerissen, hat mir die Pulver mit Wasser hineingeschüttet, da wäre ich bald erstickt, da wäre ich damals bald erstickt dort, nicht. Auch Leute, die nur ihre Pflicht getan haben. Und, dann hat er mich auch noch verhöhnt. Am nächsten Tag, als er mit den Pulvern gekommen ist: „Ah“ – Ich hatte noch gar nichts gesagt – „Ah, du nimmst es ja gar nicht.“ Sage ich: „O ja, ich nehme es schon wieder.“ Weil ich Angst gehabt habe, dass das... „Schlempern“ – ah, „Niederhalten“ hat das am Spiegelgrund geheißen, das haben sie auch bei den Erwachsenen gemacht. Und ich habe gesagt: „Nein, ich nehme es schon wieder.“ Sagt er: „Ja, so geht das!“ – Wissen Sie: „Ab heute wirst du in strammer Haltung den Herrn Pfleger bitten um deine Medikamente, dass du bald wieder gesund wirst!“ Wissen Sie, wie das ist für einen 13-Jährigen, wenn du dich vor so einen Krüppel hinstellen musst, und musst sagen: „Bitte Herr Pfleger, bitte geben Sie mir meine Medikamente, dass ich bald wieder gesund werde.“

Und, das ist dann eine Weile gegangen, dann haben sie die Dinger abgesetzt, dann haben sie die Wickelkur gemacht, die war auch so grausam. Ambulanzliege, zwei trockene Leintücher, zwei nasse Leintücher, splitternackt ausziehen, und dann sind die Leintücher so zusammengeschlagen worden wie bei einer Mumie, und überall bist du ab... – nur den Kopf haben sie freigelassen – überall abgebunden worden mit so Gürteln, und dann bist du in der Zelle gelegen, haben sie mich auf die Erde gelegt, und ich habe nur auf den Himmel hinauf, also auf den Plafond hinauf gesehen. Ich habe mich nicht nach links drehen können, ich habe mich nicht nach rechts drehen können, Füße nicht ausstrecken, Füße nicht einziehen, und das soll einmal einer probieren, wie lange er es in einem Bett aushält, ohne dass er sich umdreht, nicht. Und da habe ich oft schon gesagt, also da habe ich wieder..., ich habe eine Zeit dann zu Beten aufgehört, weil ich mir gedacht habe, mir hilft sowieso niemand, aber damals habe ich wieder angefangen, und da habe ich noch um Verzeihung gebeten, dass ich das so lange nicht gemacht habe, weil ich geglaubt habe, es wird mir geholfen, aber es ist mir nicht geholfen worden. Und wenn sie dich herausgelassen haben, waren die Leintücher nie trocken, weil du in deinem eigenen Urin gelegen bist. Und ganz grausam war das, wenn es dich da jetzt dadurch wo zu jucken angefangen hat, und du hast es nicht kratzen können oder so, und du hast es ertragen müssen, bis das von selber abgeklungen ist, das war schon..., das war schon eine bestialische Sache, die sie da gemacht haben. „Schlemperkur“ genauso, eiserne Badewanne, eiskaltes Wasser, hinunter, hinauf, hinunter, hinauf, hinunter, hinauf, dass du bald schon geglaubt hast, du erstickst da. Warum sie das gemacht haben, weiß ich nicht, aber, sie haben ihre Pflicht getan. Da wird sich der Führer gefreut haben. Na, und, eines habe ich auch gewusst, ab 14 Uhr war es im Pavillon 17 so still wie in einer Kirche. Da hat es keine ärztliche Untersuchung mehr gegeben, keine Behandlung, es ist mir auf der Zunge gelegen, keine ärztliche Behandlung, und, nichts hat mehr stattgefunden, ganz ruhig war es. Und ich habe ganz genau gewusst, wenn jemand vom Pavillon 17 zur Tötung vorgesehen war, aber hauptsächlich waren ja das immer die kleinen Kinder, die habe ich immer, wenn ich meinen Nachttopf ausleeren gegangen bin, bin ich durch ihre Schlafsäle gekommen, und da habe ich sie direkt zählen können. In der Ecke in dem Bett ist, [was] weiß ich, ein kleines Kind gewesen, ob das ein Bub oder ein Mädchen war, das hast du nicht feststellen können, aber mit blonden Haaren, und zwei Tage später war einer mit schwarzen Haaren drinnen, nicht. Und, es ist kein Bett mehr zusätzlich gestanden, die waren alle frei. Nicht, und die sind immer um 14 Uhr auf Pavillon 15 weggeführt worden, weil... Ob sie woanders auch getötet haben, weiß ich nicht, aber im 17er mit Sicherheit nicht. Da sind alle um 14 Uhr auf den Pavillon 15 hinübergekommen. Und jetzt muss man sich einmal denken, wie das war, um 14 Uhr, der Ding, der Pfleger ist heraußen und sagt: „Anziehen.“ In dieser Minute habe ich angefangen zu zittern. Ich bin kaum in die Hose hineingekommen, ich habe mich angezogen, und jetzt ist die Hoffnung gekommen: Na ja, vielleicht geht er woanders hin, links, oder rechts noch, weil zwei Abbiegungen hätte er ja gehabt, oder in Richtung Lungenheilstätte hätte er auch gehen können. Aber wir sind dann hinuntergegangen, und als er den Weg zum Pavillon 15 eingeschlagen hat, und wir hinüberkommen sind über die letzten zwei Seitengänge, da habe ich gewusst, es geht zum Pavillon 15. Also, eines weiß ich, es gibt Erlebnisse, die kannst du nicht erzählen. Nicht, also das ist so grausam, und man findet aber keine [Worte], man will das gerne ausdrücken, was man wirklich empfunden hat, aber du kannst suchen, suchen, suchen, was du willst, und findest es nicht. Dann sind wir hineingegangen in den Pavillon 15, da haben sie mich in eine Zelle eingesperrt, und der Pfleger hat gesagt: „Ausziehen.“ Jetzt habe ich mich bis auf die Unterhose ausgezogen. Also wenn ich mich unter eine Brause stelle, kann ich nicht nässer werden, als ich damals geschwitzt habe. Und, ich hab mich dann ganz nackt ausgezogen, und da hat dann der Schüttelfrost angefangen, als er gesagt hat: „Auch die Unterhose herunter.“ Na, wissen Sie, und da..., das war eh so eine Art Trümmerhaufen, mein Leben, verloren hätte ich ja gar nicht viel, nicht dass man sagen kann, aber dass sie nicht einmal erlauben, dass man, [was] weiß ich, das letzte... Die haben meiner Mutter die Besuchserlaubnis verweigert, dass sie nicht einmal jetzt gesagt hätten: „Also, besuchen Sie ihn noch einmal.“ Oder sonst irgendetwas, dass sie nicht einmal das gemacht haben, dass so viele Menschen nicht so viel Mensch gewesen sind. Na, und ich bin halt nackt in dieser Zelle gestanden, und die Tür ist aufgegangen, und der Doktor Illing ist in der Tür gestanden: „Komm heraus!“ Also ich bin hinausgegangen, er ist mit mir bei einer Nebentür hineingegangen, und die Nebentür, also der Nebenraum war voll mit Krankenschwesternschülerinnen. Und keine war älter als 18 Jahre, möglicherweise. Und so wie die... Ich habe mich auf so ein Podest hinaufstellen müssen, und da bin ich oben gesessen, und vielleicht in einem Meter Entfernung ist die erste Reihe Mädchen gesessen. Ich war damals 14 Jahre. Ich habe nur... Und da habe ich Ihn noch einmal gebeten, ich habe mir gedacht: „Na vielleicht hört Er das.“ Ich habe gesagt: „Mach ein Ende damit, weil das Leben, das Du mir gegeben hast, das ertrage ich nicht mehr.“ Und nicht einmal das hat Er erfüllt, ja. Seitdem, es kann einen geben, ich weiß ja nicht, aber bitten werde ich ihn mit Sicherheit um nichts mehr. Nein, und wenn er mich noch so quält. Aber scheinbar will er mich nicht und der Teufel auch nicht, weil sonst würde ich die ganzen Krankheiten nicht aushalten.

Na, und da musste ich mich da hinaufstellen, und jetzt hat dieser Herr Illing mit einem Zeigestab erklärt, was an meinem Äußeren schon darauf hinweist, dass ich erbbiologisch und soziologisch minderwertig bin. Da waren ihm die Ohren zu groß, und der Armabstand war ihm zu groß und alles hat er da so hergezeigt, nicht. Und ich habe mich so geschämt, ich habe mir gedacht: „Bitte schön, mach doch Schluss.“ Also, es hat eine gute halbe Stunde gedauert, dann hat er noch gesagt: „Umdrehen.“ Jetzt habe ich mich umgedreht, er hat am Rücken erklärt, was noch darauf hinweist. Und das war eben seine Gewohnheit: Mit dem Stab hat er mir so eine über den Arsch gehaut, wenn Sie wollen, und hat gesagt: „Anziehen.“ Der hat wehgetan, der Schlag mit dem Stecken. Aber was..., ich bin heruntergesprungen vom Tisch. Ich wollte zur Tür rennen, aber ich bin plötzlich stehen geblieben. Ich habe es nicht begriffen. An die 30 Mädchen haben gelacht. Für die war das wie eine Zirkusvorstellung. Für die war das..., die eine oder die andere wird vielleicht heute noch leben, möglich wäre es. Ich möchte sie so gerne fragen, warum sie damals gelacht hat.

Ist der Pfleger gekommen und hat dann gesagt: „Der Primarius macht Visite, aber er darf nicht angesprochen werden.“ Also ich meine, kann es etwas Blöderes geben, ein Arzt macht Visite, aber er darf nicht angeredet werden. Nicht, also so viel Dummheit habe ich mein ganzes späteres Leben nicht mehr angetroffen. Aber ich hatte eine gewisse Angst ihm gegenüber verloren, durch das im Vortragsraum. Und er kommt zu mir, und ich sage: „Herr Primarius, bitte, ich hätte an Sie eine Bitte.“ Der hat einen Schädel so rot wie eine Tomate bekommen. Die Adern da oben sind ihm herausgekommen, und dann hat er gesagt: „Sie haben keine..., sie haben nicht das Recht, eine Bitte vorzubringen. Sie haben nur mehr das Recht auf Gehorsam, und sonst nichts.“ Sage ich: „Ja, Herr Primarius, worum bitte ich Sie? Ich gehe jetzt seit Monaten in dieser Zelle auf... Was habe ich denn verbrochen? Befreien Sie mich wenigstens von den Milchglasscheiben, damit ich hinausschauen kann, ob es blau ist oder grau ist, oder die Vögel im Baum, der vor meinem Fenster steht, den höre ich zwar, wenn der Wind geht, aber ich sehe ihn nicht. Was habe ich denn gemacht, dass ich so behandelt werde?“ Und da ist er ganz ruhig geworden. Da ist er ganz ruhig dort gestanden und hat das alles... Und ich sage: „Bitte Herr Primarius, geben Sie meiner Mutter eine Besuchserlaubnis. [Was] weiß ich, ich habe sie jetzt seit ein paar Jahren schon nicht gesehen.“ – Weil das geht auch mit Mödling zusammen und allem, nicht, da hat sie ja auch nicht immer kommen können. „Ich habe sie so lange schon nicht mehr gesehen, die Bewilligung...“, und und und. Und was habe ich ihm noch gesagt, also das vom Himmel habe ich ihm gesagt, Bücher habe ich... „Geben Sie mir ein bisschen eine Beschäftigung.“ Ja, und als ich dann gesagt hatte: „Geben Sie mir ein bisschen eine Beschäftigung“, dann habe ich noch dazu gesagt: „Weil wenn es noch lange so weitergeht, werde ich in dieser Zelle noch deppert.“ Und er war ja Sachse, er war ja kein Österreicher, der Illing, ein Leipziger war er, glaube ich. Und dieser akademisch gebildete Mensch hat sich nicht geschämt, meinen Wiener Dialekt nachzuäffen. Wissen Sie, so demütigend. Also Ding bin ich nicht, deppert so quasi, ich sage es in meiner Sprache, weil ich es nicht so zusammenbringe, wie er es damals gesagt hat: „Deppert bist du nicht, wirst du nicht, denn deppert bist du schon. Und jetzt knie dich nieder!“ Und da ist er dann wieder laut geworden. Ich habe mich vor diesen akademisch gebildeten Menschen hinknien müssen, und mit zwei wahnsinnigen Ohrfeigen hat er seine ärztliche Visite beendet. Alles das ist geschehen unter dem Hakenkreuz.

Und dann bin ich eh schon..., halb benebelt war ich eh schon. Als Erwachsener hätte ich ja wahrscheinlich den Mut nicht gehabt, weil ich ja vielleicht klar gedacht hätte. Jetzt habe ich aber nicht gedacht, sonst hätte ich wahrscheinlich nie gesagt: „Wenn die Russen kommen und es wird keiner aufgehängt, aber du schon.“ Der hat die Tür zugeworfen, die haben meine Mutter vorgeladen, woher ich das haben kann, und so weiter, nicht. Und, jetzt habe ich mir gedacht... Ja, er ist schon gekommen, ich weiß nicht, welche Ärztin das war, ist schon gekommen, und hat sich das alles angeschaut, weil ich im Gesicht ganz aufgeschlagen war durch die zwei Ohrfeigen, und dann habe ich eine Injektion bekommen, da habe ich brechen müssen, und das Personal ist nur noch um ein Stückchen grausamer geworden. Jetzt hat mir die Schwester Sikora das Essen auf die Erde geschüttet und hat gesagt: „Schleck’s auf.“ Und nur weil ich gesagt habe: „Wenn die Russen kommen...“

Und dann ist eine Schwester gekommen, von der habe ich nur den Vornamen gewusst. Die hat Rosa geheißen. Weil die Stationsschwestern, die werden ja heute noch mit dem Familiennamen angeredet, nicht. Auch in den Spitälern. Aber die andern Schwestern, immer: Schwester Herta, Schwester Maria, oder was weiß Gott was, Schwester Helga, und so war es auch dort. Und die ist gekommen und hat gesagt: „Jetzt gehen wir ins Bad hinunter. Da liegt dein Gewand.“ – Also die Privatkleidung, die ich gehabt habe. „Es liegt dein Gewand dort.“ Und: „Ziehe dich schnell an. Die Pavillontür ist offen. Du sollst von der Polizei abgeholt werden, aber die sitzen mit den Schwestern im Dienstzimmer und trinken Kaffee.“

Ja. Und da bin ich in Richtung Innere Stadt gegangen, und habe dann Kontakt mit meiner Mutter aufgenommen. Und immer nach Eintritt der kriegsbedingten Verdunkelung haben wir uns am Rochusmarkt getroffen. Und sie hat immer etwas zum Essen gebracht, ein paar Pfennige, damit ich mit der Straßenbahn fahren kann und so. Und sie ist jeden Tag gekommen, und eines habe ich gewusst, ich habe das gespürt, sie hat eine fürchterliche Angst, nicht. Und ich habe einmal zu ihr gesagt: „Mama, wovor fürchtest du dich denn?“ Und sie hat gesagt: „Ich habe so viel Angst, dass mir einmal jemand nachgeht.“ Ja, und ich habe nicht gesagt..., weil das hätte meine Mutter..., das hätte ich nicht sehen wollen, was dann vielleicht passiert wäre. Ich habe ihr nicht gesagt, ich komme nicht mehr. Ich habe es mir aber nur vorgenommen, ich komme nicht mehr. Und bin auch nicht mehr hingegangen. Und, jetzt ist es mir noch viel schlechter gegangen. Ich habe kein Geld mehr gehabt, ich habe keine Brotmarken mehr gehabt, ich habe gar nichts gehabt. Und, einen Hunger hast du bekommen. Wasser hast du ja in jedem Haus trinken können, weil da haben sie ja die Wasserbecken draußen gehabt. Aber nichts zum Essen. Und da bin ich am Abend zum Nordbahnhof gekommen, direkt..., den gibt es nicht mehr, den Nordbahnhof, den haben sie schon abgerissen. Und bin in die Halle hineingegangen, und da sind eine ganze Menge Tornister gewesen, und eine ganze Menge Pakete sind da gewesen auf und ab, und ich habe mir gedacht, wo bekomme ich da etwas zum Essen. Ich habe nur, eigentlich, ganz, ganz ehrlich, ich habe nur vom Brot phantasiert. An eine Wurst habe ich gar nicht gedacht. Und ich habe auch nicht auf die Verdunkelung gewartet, nein, das habe ich nicht getan. Und dann habe ich so ein kleines Paket entdeckt, habe mir gedacht, da ist sicherlich etwas zum Essen drinnen. Ich wäre doch nicht auf die Idee gekommen, dass da vielleicht schmutzige Unterhosen drinnen sind oder schmutzige Socken. Und habe das heruntergenommen, habe es mir unter den Arm gegeben und wollte aus dem Bahnhof hinausgehen. Noch bevor ich hinausgegangen bin, haben sie mich verhaftet. Zwei Kriminalbeamte, die haben mich wahrscheinlich eh schon beobachtet, weil blöd genug habe ich mich ja verhalten. Und, na ja, jedenfalls, die haben das alles aufgenommen, dann bin ich in die Rüdengasse gekommen. In der Rüdengasse – in der Rüdengasse war das so Sitte, wenn man eingeliefert wird, wird man dem Anstaltsleiter vorgeführt. Na und ich stehe vor dieser Tür, und auf dieser Tür ist gestanden: „Trittst du als Deutscher hier herein, so soll dein Gruß ,Heil Hitler‘ sein.“ Na gut, ich werde aufgerufen, gehe hinein, so wie es in Mödling... – heute kann ich die Hand nicht mehr bewegen – so wie ich es in Mödling gehört hatte, angeschlagener Daumen, ein bisschen aufgebogen, Augenbrauenhöhe, das haben sie uns alles eingedrillt, habe ich gebrüllt: „Heil Hitler!“ Der ist aufgestanden, hat die Hände [hinter dem Rücken] zusammengebogen und ist zu mir gekommen. Und, das kann ich jetzt eigentlich gar nicht ganz genau sagen. Ich weiß nur, dass er gesagt hat: „Wie war das?“ oder so ähnlich. Und ich habe mir gedacht, ich habe den Gruß schlecht gemacht, und habe noch einmal gebrüllt: „Hei...“, weiter bin ich nicht gekommen. Ein einziger Schlag, und ich bin in einer Zelle im Keller in der Rüdengasse zu mir gekommen.

Also die sechs Tage sind vorbeigegangen. Und ich habe wieder dorthin gehen müssen und stehe wieder vor dieser Tür: „Trittst du als Deutscher hier herein, soll dein Gruß ,Heil Hitler‘ sein.“ Nun, und, da habe ich ein Glück gehabt. Damals hat eigentlich die Glücksserie angefangen. Ich bin vor der Tür gestanden, und auf einmal ist ein Ding gekommen, auch den habe ich mir gemerkt, Deutschländer hat er geheißen. Der ist vorbei gekommen, und ganz leise hat er gesagt: „Grüß nicht wieder mit Heil Hitler.“ Ich habe mir gedacht, da fordern sie dich auf, und der sagt, du sollst nicht grüßen. Jetzt habe ich nicht gewusst, wem ich folgen soll. Aber ich habe mir gedacht, der hat mich ja geschlagen, weil ich „Heil Hitler“ gesagt habe und so. [Ich] bin hineingegangen, als ich aufgerufen wurde, und bin stehengeblieben. Der ist wieder gekommen in seiner Stellung da – hat ohnehin so einen breiten Boxerschädel gehabt –, hat er gesagt: „Weißt du, warum du bestraft worden bist?“ Habe ich gesagt: „Nein, das weiß ich nicht“, das war ja auch wahr. Ich habe nicht gewusst, weswegen ich das bekommen hatte. Und da hat er mich aufgeklärt und hat gesagt: „Nimm den Namen des Führers nie wieder in dein dreckiges, asoziales Schandmaul.“ Ich habe ja nicht gewusst, dass ich nicht mehr „Heil Hitler“ grüßen darf, nicht. Überall bist du [dazu] aufgefordert worden. Na, und dieser Mann ist 1945 nahtlos von der österreichischen Justiz übernommen worden, war Jugenderziehungsleiter für die Jugendabteilung in Graz-Karlau, ist später dann befördert worden zum Direktor für das Kreisgerichtliche Gefangenenhaus Leoben und ist dann mit allen Ehren der Republik Österreich ausgezeichnet in seine wohlverdiente Pension gegangen. Und wenn du solche Sachen hörst, dann weißt du nicht mehr, was man überhaupt denken soll.

Und da hat er geschrieben, der Staatsanwalt: „Unter Ausnützung der kriegsbedingten Verdunkelung ein Lebensmittelpaket gestohlen.“ Und wenn ich es heute nachrechnen würde, was in dem Paket drinnen war, ein bisschen Kommissbrot, ein Stück Wurst, ein Käse, das war wirklich ein..., aber mehr als 10 Euro wäre das heute nicht wert, und ich habe vier Jahre bekommen. Und ich bin vollkommen unbescholten gewesen. Na, und ich war ja nur in Heimen, und nur das. Ja, für Erwachsene war ja das eine Todesstrafe. Da ist ja nicht gemessen worden, was man gemacht hat, sondern dass man die kriegsbedingte Verdunkelung ausgenützt hat. Na, und dann bin ich nach Kaiserebersdorf gekommen. In Kaiserebersdorf habe ich dann meine Strafe verbüßt. Da habe ich in der Wäscherei gearbeitet. Und dieses Kaiserebersdorf, das war wirklich, man hat schon fast sagen können, damals, ein KZ. Aber nur, das Spannendste war für mich, da war kein Deutscher oder so Justizbeamter, das waren lauter Österreicher, die das gemacht haben, nicht. Und jetzt müssen Sie sich vorstellen, die haben Gummiknüppel gehabt, und Schlagen war erlaubt. Nicht, wenn der dich halb erschlagen hat, hat er dich halb erschlagen.

Ja, da bin ich zu meinen Eltern gegangen. Mein Vater hat weiter getrunken. Daheim war es genauso schlimm wie vorher. Ich wollte mir eine Lehre suchen, habe keine bekommen, ich habe dann als Hilfsarbeiter gearbeitet. Auch den Führerschein haben sie mir verweigert, wegen dieser Vorstrafe während dem Hitler. Ich habe ohnehin gesagt, ich habe der Republik Österreich nichts getan. Und der Konzeptsbeamte in der Juchgasse hat noch gesagt: „Aber vergessen Sie nie: Wir sprechen die gleiche Sprache.“ Wie ich das verstehen soll, weiß ich nicht, dazu fehlt mir das Hirn. Und dann habe ich geheiratet. Kurze fünf Jahre später sind wir wieder geschieden worden, und da ist mein Leben auf und ab gegangen. Und wo hat es geendet? Im Landesgericht, nicht.

Ich habe keiner alten Frau einen Stoß gegeben, ich habe kein Sexualdelikt begangen, ich habe niemanden betrogen. Supermärkte. Supermärkte, das war immer unser Ziel. Ich war nicht alleine. Es waren ja mehrere. Na, und da bin ich, [was] weiß ich, insgesamt drei Mal wegen Diebstahls verurteilt worden.

Ein Beamter hat gesagt: „Zawrel, Sie müssen zur – Psychiatrierung.“ Sage ich: „Zu wem komme ich denn?“ Hat er gesagt: „Zum Doktor Heinrich Groß.“ Und nach 33 Jahren, oder gar 34 Jahren, bin ich ihm wieder genauso gegenüber gesessen, wie Sie jetzt da sind. Und mein erster Gedanke war..., weil der war ja immer: Schaftstiefel, Bridges-Hose, und weiß was Gott, den Ärztemantel hat er schon getragen, aber immer so ein strammer Reichsbürger, nicht. Und jetzt ist er dort gesessen, und mein erster Gedanke war: Heinrich, fett bist du geworden.

Na, und er hat geredet. Und ich habe meiner Mutter das Ehrenwort gegeben, ich werde nie wieder über den Spiegelgrund reden. Weil ich habe zwei kleine Schwestern bekommen, und die haben von der Hitlerzeit gar nichts gewusst. Und dass nichts mehr in der Zeitung steht und so, und dass die ruhig in die Schule gehen können. Weil die Zeitungen bringen ja gleich die Namen auf der ersten Seite auch, wenn es sein muss. Und habe ich gesagt: „Nein, Mama, ich rede wirklich nicht mehr über den Spiegelgrund.“ Na, und er redet, und: „Was ist Ihnen da eingefallen?“ Habe ich mir gedacht: Hörst du, der ist noch immer nicht anders geworden. Der ist genauso wie damals, nicht. Ich habe ihn reden lassen. Und jetzt habe ich mir gedacht, machst du mit ihm Schluss, nicht, also vielleicht begreift er dich. Habe ich gesagt: „Glauben Sie mir, Herr Doktor, ich kenne Menschen, die haben hunderttausende mal mehr verbrochen als ich. Sind angesehene Bürger, sind in hohen Stellungen, tragen Auszeichnungen der Republik“, weil er hat den Körner Preis bekommen, und den für Wissenschaft und Kunst, weil er an den Gehirnen, wo er den Totenschein unterschrieben hat, weiter herumgetan hat. Und: „Die haben tausende mal mehr verbrochen, aber da kommt kein Staatsanwalt und so. Aber bei mir?! Polizei, Staatsanwalt, Richter, Psychiater, wer wird denn noch alles kommen?“ – „Ja, Sie dürfen doch nicht glauben, dass Sie machen dürfen, was Sie wollen.“ Sage ich: „Das weiß ich schon, aber das wissen die Anderen damals auch. Die haben auch gewusst, dass sie das nicht machen dürfen, und haben es trotzdem gemacht.“ Na, und so ist das eben dann hin und her gegangen, und dann ist das von selbst gekommen, wie wenn ein Donnerwetter kommt. Hat er gesagt: „Sind Sie schon einmal psychiatriert worden?“ Und da habe ich zu ihm gesagt, sage ich: „Herr Doktor, für einen Akademiker haben Sie ein sauschlechtes Gedächtnis.“ Sagt er: „Woran soll ich mich denn erinnern können?“ Da war er noch so aufbrausend. Habe ich gesagt: „Ich hoffe, dass Sie den Doktor Jekelius, den Doktor Krenek, den Doktor Illing, die Hübsch, die Türk, die Jokl“, und habe ich halt so alle aufgezählt, „dass Sie die nicht schon vergessen haben. Also vielleicht, das kann man. Aber können Sie überhaupt noch ruhig schlafen, haben Sie die kleinen Kinder nicht weinen gehört auf dem Balkon draußen, haben Sie das nie gehört?! Die, die umgebracht worden sind.“ Der hat sich so zurückgelehnt. Der ist so weiß geworden wie der Plafond. Dann hat er sich vorgebeugt, der hat ausgeschaut, als wäre er 50 Jahre älter geworden. „Sie waren da oben?“ Sage ich: „Was glauben Sie, von wo ich Sie kenne?!“ – „Sie haben nie darüber gesprochen?“ Sage ich: „Nein, und ich wollte auch heute nicht darüber reden. Ich habe meiner Mutter gegenüber ein Ehrenwort gebrochen, und das ist nicht so einfach.“ Na, und: „Ja, dann...“, dann ist er richtig, wie soll ich Ihnen sagen, richtig schäbig geworden. „Ja, das ändert doch alles. Ja, das ist doch ein ganz neuer...“, wie sagt man da, „Ausgang“, nimmt das Ganze da. Und jedenfalls, mit einem Wort, er hat mir sämtliche gutachterliche Hilfe versprochen, die er geben kann. Und der Bettelheim war damals mein Rechtsanwalt, und dem habe ich das erzählt. Und da hat er gesagt: „Also dann brauchen Sie mich sowieso nicht mehr, wenn der Groß das in die Hand nimmt.“ Und ich habe noch gesagt, sage ich: „Herr Doktor, bleiben Sie nur, ich traue dem nicht, was er sagt“, nicht. Und dann kommt..., 14 Tage später, hat mir der Richter das Gutachten gegeben, das der Heinrich Groß geschrieben hat. Ich habe zum Lesen angefangen, ich habe mir gedacht, das kann nicht mein Gutachten sein. Das gibt es gar nicht. Habe ich es gelesen, dann habe ich noch einmal zugemacht, ja, Friedrich Zawrel steht da drauf. Der hat ein Gutachten geschrieben, da war ich tausend mal schlimmer als alle Vergaser in Auschwitz und was weiß ich, was ich da sagen soll, nicht. Und, jetzt habe ich mir gedacht, das kannst du dir nicht gefallen lassen, und habe den... Ja, und weil das Gutachten, der traut sich das im ’75 Jahr zu schreiben, der Doktor Illing ist ’46 zum Tod verurteilt worden, ist ’46 im November hingerichtet worden im Straflandesgericht. Und im Jahr eintausend[neunhundert]fünfundsiebzig zitiert ein Gutachter der Republik das Gutachten von einem verurteilten Massenmörder. Weil der ist ja verurteilt worden wegen 200-fachen Meuchelmords und wegen Quälens von Kindern. Na, und das Gutachten fängt an: „Der Untersuchte entstammt einer erbbiologisch-soziologisch minderwertigen Sippe.“ Derselbe Satz, den der Illing geschrieben hat, und da habe ich mir gesagt: „Jetzt lasse ich mir das nicht mehr gefallen.“ Und habe das alles dem [Justizminister] Doktor Christian Broda geschrieben, und der Christian Broda hat mir nicht geantwortet.

Und ich habe ihm das geschrieben, und ich wollte keine Öffentlichkeit haben. Und noch etwas, ich habe ihm auch geschrieben, ich weiß, dass ich strafbare Handlungen begangen habe, ich bin dafür bestraft worden. Dagegen richtet sich das nicht. Es richtet sich ja nur [gegen] das, ob so ein Gutachter verwendet werden darf, wo ein 200-facher Meuchelmörder mitbeteiligt ist, dass das Rechtsgültigkeit hat, in der lieben Republik Österreich, nicht. Und er hat mir keine Antwort gegeben. Aber ich habe das alles mit Postbescheinigungen aufgegeben, damit ich alle Postbescheinigungen habe, und die sind auch in dem Film alle drinnen, und die habe ich mir teilweise behalten. Und hat er mir keine Antwort gegeben. Ich habe ihm ein zweites Mal geschrieben, er hat mir keine Antwort gegeben. Ich habe dem Doktor Müller, mir fällt der Vornamen nicht geschwind ein, der war beim Obersten Gerichtshof, also Leitender Staatsanwalt, dem habe ich geschrieben, keine Antwort.

Na, und dann eines schönen Tages bin ich dann in die Vollzugsanstalt Stein überstellt worden. Und da kommt dann nach kurzer Zeit der Doktor Schiller, im Auftrage des Landesgerichtes Wien, das kann man auch lesen, wegen einer Neu-Psychiatrierung: „Auch habe ich Auftrag, einzugehen in die Causa Groß.“ Was hat das mit meiner Psychiatrie zu tun, der soll nur untersuchen, ob ich deppert oder gesund bin, aber nicht, was ich mit dem Groß habe, das geht ihn gar nichts an, nicht. Der hat noch ein schlimmeres Gutachten geschrieben als der Groß.

Der Doktor Otto Schiller, der ist aber schon gestorben. Und das Gutachten hat sogar die Staatsanwaltschaft, also... Jedenfalls, das von der Staatsanwaltschaft lautet ungefähr so, sie wollen jetzt noch keine Rüge aussprechen, aber in Zukunft dürfen solche Sachen und solche Sachen nicht wiederholt werden, so etwas kann da nicht hinein gehören in ein Gutachten. Und da stellen sie auch die Seite fest und das, wo das alles geschehen ist, nicht. Na, und der hat halt ein Gutachten geschrieben, ich bin hochgradig seelisch abnorm, hochgradig seelisch abnorm. Ich bin ein Rückfalltäter, und ich werde mich nie mehr an einen sozialen Bereich anpassen können, und was man da eben alles geschrieben hat. Und der letzte Satz war dann: „Er ist arm dran mit seinem seelischen Bild, aber es gibt keinen Weg, der für ihn gangbar wäre. Er müsste..., er muss ständig überwacht [werden] zum Schutze der Gemein[schaft], der Bevölkerung, muss ständig beschützt und bewacht werden, weil immer die Gefahr, also dieses Rückfalls und so weiter besteht.“ Und hat auch die Dauerverwahrung nach der Strafe, also befürwortet. Und heute möchte ich beide fragen, ob sie den Weg nicht gesehen haben, den ich gegangen bin. Weil jetzt ist..., im ’81er Jahr..., 1981, da hat noch der Doktor Kaiser von Linz ein Gutachten geschrieben, da hat noch der Doktor Kaiser ein Gutachten geschrieben, und der sch[reibt], der tut das so, dass die Presse geschrieben hat: „Wo bleibt der Staatsanwalt! Nach dem müsste ein Amtsmissbrauch vorliegen“, und so. Und das gibt es nicht, dass ich mich so geändert habe in der kurzen Zeit, meiner Strafzeit. Also alles, hat er eben gesagt, was die geschrieben haben, ist nicht wahr. Und das war dann im ’81er Jahr, im September, und im ’81er Jahr im September bin ich entlassen worden, na und jetzt ist bald September, und dann sind es 30 Jahre, dass ich kein Gericht mehr betreten habe, dass ich keine Polizei[station] mehr betreten habe, dass ich bei ein und derselben Firma Lieferchauffeur war, 15 Jahre lang, bis ich einen Herzinfarkt gekriegt habe, dann haben sie mich als arbeitsunfähig erklärt. Und da sehen Sie, wie ein Psychiater ein Menschenleben zertreten kann, ohne dass er etwas versteht.