Interview Alois Kaufmann

Also, ich bin am – jetzt machen wir es einmal ein bisschen… – am 6. 5. 1934 in Graz geboren. Unehelich, was zu dieser Zeit für meine Mutter eine Katastrophe war. Ihr Vater, also mein Großvater, mit dem ich keine Verbindung hatte, also fast keine hatte, hat bei der Geburt, also wie sie zu ihm gekommen ist, gesagt: „Weißt du was“, ich sage es so wie es war, „nimm das Kind und springe mit dem Kind gleich in die Mur hinunter, ist am gescheitesten, ja.“ Also ein derartiges Ver[hältnis] war. Die Frau war völlig verzweifelt, weil das schon das zweite Kind war, unehelich. Mein Halbbruder ist dann einen anderen Weg gegangen, das…, aber ist egal. Und dann bin ich eben von…, meine Mutter hat nicht gewusst, was [zu tun] ist, ich bin im St. Josephs Kloster, oder wie es auch immer geheißen hat, abgegeben worden, also wie man da so schön sagt. Das war alles noch in der Zeit der schwarzen Regierung, also der christlich-sozialen. Obwohl ich natürlich überhaupt nichts gewusst habe, das ist mir ja erst nachher alles bewusst geworden und erklärt geworden. Und dann bin ich von dort mit circa drei, mit vier, fünf Jahren in eine Pflegestelle gekommen. Da sind die Nazis schon da gewesen, im ’38er Jahr, nicht, und haben mich in eine Pflegestelle gegeben. Das war ein Haus, so ein kleines Gartenhaus, komisch, nicht, und mit Pflegeeltern, die sich um mich überhaupt nicht gekümmert haben. Also denen war ich völlig…, die paar Mark waren ihnen wichtig, die sie bekommen haben. Und die haben mich „sehr nett“ behandelt, unter Anführungszeichen, aber wenn ich nicht brav war, was weiß ich, was ich da immer gemacht habe, in den Hühnerstall eingesperrt und haben mich geschlagen und so weiter. In der Nachbarschaft, also daneben, war ein Haus, daran kann ich mich erinnern, wie wenn es gestern gewesen wäre, das hat so kleine Herzen, ausgeschnittene Herzen gehabt, und da war ein Nachbar dort, ein braunes Haus mit grünen Latten, Fensterlatten, und der hat…., die Eltern, also diese Pflegeeltern sind einmal fortgangen, mit dem Auf[trag]: „Du darfst nicht weggehen“ und so weiter und so fort, wie man eben zu einem Kind so sagt. Damals überhaupt, sehr autoritär. Da ist nicht „Bitte“ gesagt worden. „Du machst es“ und so weiter. Na, und der Nachbar sieht mich, ich gehe weg vom Hühnerstall, weil ich, mein Gott, ich kann doch nicht… Der Nachbar ruft mich hinüber, also ruft mich zum Zaun, und ist im Rollstuhl und sagt: „Komm, kannst zu mir hereinkommen, die sind eh nicht da.“ Nun ich, ahnungslos, also ein Kind, ein vier-, fünfjähriges Kind, nicht, gehe zu dem Nachbarn, und das Weitere ist sehr leicht zu erraten. Das haben Sie in Österreich jetzt erlebt wieder mit einem, der da Buben verführt. Der hat mich also da..., natürlich das war ein Schrei für mich und ein Entsetzen für mich. Der hat da versucht, mich auf alle möglichen Arten sexuell zu missbrauchen.

Das hat sich dann sehr rasch geändert, ich bin sofort von dort weggekommen, von der Stelle, bin dann hinaufgekommen in die Lustkandlgasse, in die damalige KÜST, also Kinderübernahmsstelle, ein wunderschöner Name, nicht. Das ist so, wie wenn man ein Paket abgibt. Und da hat einmal der Julius Tandler vor vielen Jahren einen Satz geschrieben, einen sehr schönen Satz: „Wer [Kindern] Paläste baut, reißt Kerkermauern nieder.“ Aber zu dieser Zeit war der Spruch nicht mehr dort. Ich bin hinaufgekommen, und da haben mich drei so fette Weiber, ich sage es so wie ich es empfunden habe, drei so fette Weiber empfangen. Mit der Begrüßung: „Erstens einmal grüßt man bei uns ,Heil Hitler‘, ja, dass du dir das gleich merkst, und zweitens, wenn du irgendetwas hast, dann sind wir gleich fertig mit dir“, und sie haben mich hinuntergezerrt in einen Waschraum oder Bad oder wie man das auch immer nennt, und weil ich eben ein bisschen nicht so gespurt habe, haben sie mich eiskalt gebadet, also eiskalt. Ich habe geschrien wie am Spieß und so weiter. Und dieses Nazi-Weib, denn anders kann man das ja nicht sagen, wie gesagt, die haben noch dazu diese Schwesternuniform getragen, die man noch bis heute trägt, [die] hat gesagt: „Ich sage dir nur eines, ein deutscher Junge weint nicht. Und umso mehr du weinst, umso schlechter geht es dir, ja.“ Dann bin ich da circa vier, fünf Wochen geblieben zur Beobachtung. Und dann, eines Tages, dort ist nie..., das Wort „Kind“ hat es nicht gegeben. Ich war eine Sache, ich war ein „Minderjähriger“, sonst nichts. Ich bin nicht einmal mit meinem Namen angesprochen worden, weder Vornamen noch sonst was.

Das habe ich Ihnen ja erzählt, jetzt kommen wir zum Spiegelgrund. Na, bin ich in den Pavillon 15 gekommen, habe ja keine blasse Ahnung gehabt, was das für ein Pavillon ist, und die Toni, die mich dann abgegeben hat, hat erfahren, dass ich in den Pavillon 15 komme. Ich habe keine Ahnung gehabt, dass das der Todespavillon war. Ich habe es nicht gewusst, ja. Ich habe nur gewusst, dass die Kinder..., also das Geschrei der Kinder: „Depperter“ und [?], [ich wurde] käseweiß, ja, was. Also ich habe mir gedacht, ich bin in... Nach einer Weile, nach circa zwei, drei Wochen, kommt dann auf einmal die Erzieherin und sagt: „Na, du bleibst nicht da, ja, du kommst weg. Das ist kein Pavillon für dich. Wir haben das entschieden, und du kommst in den 18er oder 17er.“

Na ja, und der Tagesablauf, kurz gesagt, ja, versuchen wir halt zu erklären. Wir haben am Morgen um sechs Uhr im Sommer aufstehen müssen. Aber da hat es nur ein Hemd gegeben, keine Hausschuhe, ein eiskalter Boden. Ein Bett, ein Bett, ein Wahnsinnsbett, ja. Dieses Bett wurde leider Gottes... Ich habe dann Filme gemacht, Theaterstücke gemacht im Akzent, ja, mit dem Thiel und so weiter. Wir haben das Bett nicht mehr bekommen, das wir gebraucht hätten, nicht wahr, wo wir gelegen sind. Das war ein rostiges Bett, mit rostigem Ei[sen], mit solchen Dornen draußen, ja, braun und dreckig die Matratze, also ich würde einen Hund heute nicht hineinlegen. Das Bett haben wir nicht mehr bekommen zum Schauspielen, ja. Das Bett ist nach Nicaragua gekommen, ja, sofort nach dem Krieg. Was weiß ich, wieso. Auf jeden Fall, das Bett war weg, das hätten wir gebraucht. Na und..., die Betten, dann sind wir auch so gestanden, wie die Zinnsoldaten, sind wir alle brav gestanden, vor dem Nachtkästchen. Und wir haben Decken gehabt, und auf den Decken ist „Spiegelgrund“ gestanden. Da hat ein Freund gesagt: „Hör zu, ich sage dir etwas, mach’ die Decke gerade, mach’ die Decke gerade. Hör zu, das muss gerade sein, wenn die durchgeht, ja, das muss eine Linie sein, weil das Bett ist weg, die wirft dir das auseinander“, und so weiter. So war es auch, ja. „Also was soll das sein. Was bist du für ein Drecks...“ Das Wort „Drecksau“, „Schwein“, das ist nur so gefallen, nicht. Also die Decke auseinander gezogen. Also ich habe unter Tränen das noch einmal gemacht. Das war also der Anfang. Dann das Essen. Ja, dann sind wir weggekommen vom..., haben wir zum Zähneputzen gehen müssen. Es hat so ein kleines, so wie, ja, Ding war das, nicht einmal eine Zahnpaste, so wie eine kleine Seife hat das ausgesehen. Jetzt waren sie furchtbar verrückt auf’s Zähneputzen. Und Toilette, ja und da hat es sich dann abgespielt. Bei 20 warst du mit dem Pipi fertig, ich sage es dir so wie es war, und bei 30 mit dem Großen. Na das ist natürlich nicht jedem gelungen. Und die Leute..., ich bin bei 30 nicht herausgekommen. Jetzt ist die gekommen, hat mich von der Toilette, vom Klo weggerissen, und die... – ich muss das so brutal... – ist dort gelegen. Die hat gesagt: „Das nimmst jetzt ganz schön in die Hand und reinigst das Klo.“ Mit der Hand! Nun ja, auf jeden Fall habe ich das halt machen müssen. Die, die bettgenässt haben, das war ein Drama, ein Drama. Gott sei Dank, Gott im Himmel, dass ich das nicht gemacht habe.

Dann sind wir zum Frühstück gekommen. Das Frühstück war dreimal. Einmal war es Milch, also, das war so eine weiße Sache, die war blau wie die Donau, spaßhalber. Da haben wir schon geblödelt die ganze Zeit: „Schau wie die Donau kommt heute, ja.“ Dann haben wir auch bekommen so eine Art Kümmelsuppe, die war noch das Beste. Und dann, am dritten, es ist immer drei Tage gewechselt [worden], und dann eine Art Kaffee. Na Kaffee, das ist ein Witz, es war schwarz. Das Brot, ja, das Brot, Herr Philipp, ich sage es Ihnen. Ich mache Ihnen das jetzt vor, ja: Nehmen wir an, das ist ein Brot, ja. Das ist dick. Das war eine dünne Scheibe Brot, und wir haben noch den blöden Witz gemacht, da kannst du bis nach Paris durchschauen, ja, so dünn war das Brot. Wir haben ein Vollkornbrot, gekriegt, so eckiges, natürlich, das Vollkornbrot war am Anfang noch normal, aber je mehr Kinder gekommen sind, umso schlechter ist die Ernährung geworden, und die Kinder sind auch..., ich werde Ihnen dann auch erzählen, was dann noch Grauenhaftes passiert ist, auch mir, und natürlich, das Brot ist immer dünner worden. Und es war ein Scheibchen Brot, und alle haben sich um den Brotkanten gerissen, weil es gibt ja nur zwei Kanten auf einem Laib Brot, nicht. Und die Großen, und die Starken, und die Besseren, wie eben immer im Leben, die haben den Kanten bekommen, und die Blöden waren die Kleinen und die Schwachen, so wie ich, die dann geweint haben, und haben dann ein Stückchen Brot in der Hand gehabt. Und hinein in den Mund und hinauf in die Schule. Na ja, da war ein Kiesweg, das habe ich in meinem Buch auch geschrieben, und das ist, da habe ich..., Kiesweg. In Zweierreihen haben wir gehen müssen. Nichts reden, nichts tun, gar nichts. Und ich habe zu meinem Freund daneben gesagt, nur gesagt: „Schau die Vögel an. So frei möchte ich auch sein wie der Vogel.“ Platsch, habe ich eine Ohrfeige bekommen, von hinten eine Ohrfeige, das war, ist mir gleich das Blut...

Dann habe ich das Pech gehabt, wir haben Hefte gehabt, Schulhefte, die waren ziemlich sparsam, und dann mussten wir die Schulhefte, das haben sie nach dem Krieg auch noch lange machen müssen, aber damals war es auch so, die Schulhefte umranden, immer jede Seite umranden. Natürlich haben wir Hakenkreuze gemacht, das war ja das Beliebteste. Und ich habe so ein Rechenheft nicht mehr gefunden. Das Rechenheft war weg, also es war nicht da. Und die Erzieherin sagt: „Höre, wo ist dein Heft, du bist ein schlampiger Hund“, und so weiter. Also, ich finde das Heft nicht. Also gesucht und gesucht und, nicht mehr da. Es war weg. Entweder hat es mir ein Bub weggenommen, oder irgendwer. Geht die mit mir her, sagt: „So, und jetzt gehen wir zum Heimvater.“ Also, ich gehe dort hinauf. Ich bin mit Zittern hinaufgegangen. Ich bin hinaufgegangen, ich habe gezittert wie Espenlaub. Was heißt. Jetzt wirst du [etwas] erleben.“ Ich bin dort hinaufgekommen. „Heil Hitler!“ – „Und du hast ruhig zu sein und erst zu reden, wenn man mit dir spricht“, und überhaupt und so weiter. Na gut. Der steht auf, ein Koloss von einem Mann, heute weiß ich, wer das war. Das war der, wie hat er denn..., der hat noch danach, noch in der Nachkriegszeit, weiter Erziehung gemacht und bei der Gemeinde Wien, ja, unter anderem. Ich hätte da auch seine Unterschrift. Der steht auf, schaut mich an, sagt er: „Also hörst du, dabei schaust du doch wie ein lieber Bub aus. Was machst denn du da? Wo ist denn dein Heft?“ und so, „das geht doch gar nicht.“ Und ich habe mir noch gedacht: „Also, das geht eh gut, harmlos.“ Denke ich mir noch, im Stillen: „Hah, das...“ Dann er aber: „Ein bisschen Strafe muss sein. Dass du dir das merkst. Ein bisschen Strafe. Ziehst halt die Hose schön herunter.“ Na, ich ziehe die Hose herunter, er legt mich über den Sessel, nimmt seinen Riemen herunter, da war dieser Koppel drauf. Haut mir zehn mit dem Riemen über den... Sagt er: „Und ich sage dir gleich, jedesmal wenn du aufschreist, kommt das noch dazu.“ Also. Nach den zehn Schlägen, da sieht man den Sadismus und die Penetranz dieser Nazi-Schweine, ja, jetzt hat er den Schlag gegeben, jetzt hat er dann zu mir gesagt: „Mein Gott, das tut mir Leid für dich, ja. Ich mache das ja nur für dich, es ist ja nur für deine Zukunft. Und weißt eh, was du jetzt tust: ‚Danke. Danke, weil es war meine Schuld‘.“ Das musste ich noch dazu sagen. Die Erzieherin ist wieder mit mir zurückgegangen. Ich habe zwei Tage nicht sitzen können.

Auf den Gang ist eiskaltes Wasser hingeschüttet worden, richtig zehn, zwölf Kübel Wasser, über die langen Gänge. Ich weiß nicht, ob sie die Pavillons oben schon gesehen haben. Und wir mussten, wir mussten kniend, ohne jegliche Unterlage, nur auf den nackten Knien, die Lappen herumziehen, ja, so herumziehen und auswinden und auf die Art. Was war die Folge? In zwei, drei Tagen habe ich wahnsinnige Knieschmerzen gehabt. Also Herr Doktor, ich schwöre Ihnen, Knieschmerzen, wie sie im Buch stehen. Habe mich aber nichts zu sagen getraut, weil ich gehört habe, also die, die da jammern, die kommen weg und so weiter, da habe ich schon Gerüchte gehört. Ich habe mir dann nicht mehr die Schuhriemen zumachen können, das war schon so geschwollen, bis dann die Schwester Funk, also, Fink hat sie geheißen, „Funk“ ist [sie] in meinem Buch, Schwester Fink, das war eine der besseren: „Höre Bub, wie schaust denn du aus?“ Sage ich: „Ja, ich kann...“ – „Du musst ins Spital.“

Ich war im Spital in einer kleinen Kammer, in einem Gitterbett, bis oben zu, ja, weil ich noch Skabies [Krätze] auch dazu bekommen habe. Das wissen die meisten nicht, Skabies, da bekommst du so Flecken, und das juckt entsetzlich, also entsetzlich. Jetzt, weil ich natürlich immer kratzen wollte, haben sie mich angebunden an das Bett. Jetzt habe ich nicht Pipi machen können, nicht auf die große Seite können, gar nichts. Jetzt bin ich im Bett wie ein Hund gelegen. Dazu ist noch ein Fliegerangriff gekommen, nicht auf das Haus, auf das Gebäude. Weil vor dem Gebäude, vor den Fenstern, haben sie so Betonschwellen, oder wie man das nennt, hingestellt. Und ich bin in dem Kammerl dort mutterseelenallein gelegen und habe das Geheul der Sirenen gehört, aber ich habe wahnsinnige Angst gehabt. Ja, ich bin dort gelegen wie ein Nervenbündel. Habe: „Hilfe, Hilfe, Hilfe“ geschrien. Kommt dann ein Arzt, ein junger Arzt, das war aber kein Österreicher, war ein Deutscher, der hat sogar gesagt, dass er aus Berlin ist. Da sage ich Ihnen dann etwas zu Österreichern und Deutschen, da ist ein großer Unterschied. Sagt er: „Na Junge, was ist mit dir?“ Sage ich: „Also, ich liege da“ – „Wir können dich nicht in den Keller bringen, so wie du da bist. Du musst da bleiben, und es wird dir nichts passieren. Die Flieger fliegen nur drüber, und wir haben da genug Kanonen“, und lauter so Blödsinn eben. Hat mich zumindest... Sage ich: „Ich muss Pipi gehen.“ Sagt er: „Gut, das mache ich. Ich bringe dir etwas her“, und so. Das war der einzige menschliche Punkt, den ich gehabt habe. Nach der Kniegelenksentzündung und der Skabies bin ich zurückgekommen auf den Pavillon. Da haben sich die Verhältnisse noch viel mehr verschlechtert. Das Essen ist zu einer einzigen Katastrophe geworden. Wir haben eine Krautsuppe, wenn man das überhaupt so nennen kann, eine Krautsuppe bekommen, da sind die Würmer oben geschwommen.

Und immer das größte Problem, Herr Doktor, waren zwei: der Hunger, das größte. Es hat sich alles um das Essen gedreht. Mittagessen eine Katastrophe mit einer Krautsuppe, oder hie und da mal so eine Erbsensuppe, und hie und da Kartoffeln, aber die waren, ich weiß nicht, ob Sie glasige Kartoffeln kennen, wenn sie gefroren sind, also die schmecken grauenhaft. Und fast kein Obst und nichts, also. Ich bin dann, machen wir es so, ich bin heruntergekommen, wie mich da mein Vater geholt hat, habe ich zwölf Kilo Untergewicht gehabt, ja. Ich war nicht fähig über die Spetterbrücke zu gehen, das ist diese Brücke, die es heute noch gibt. Die ist jetzt ausgebaut, mit, weiß ich, so Geschäften, aber damals war das noch so eine Brücke. Da ist noch die... Sage ich, „Papa, ich kann nicht, ich kann nicht. Ich habe Angst vor der Br[ücke].“ Ich habe zu weinen angefangen, mich angehalten. Jetzt hat er mich genommen und mich gehoben, und so sind wir drüber. So ähnlich war das Leben in, kurz gesagt, in diesem Spiegelgrund. Der Sinn, das ist uns alle Tage gesagt worden, jederzeit, in der Schule, am... Wir haben kein Spielzeug gehabt, überhaupt nicht, wir haben so Sandwürfeln gehabt, so Steine, da haben wir ein bisschen etwas bauen können. Kein Halmaspiel, kein Schachspiel, kein Vorhang, kein Bild, außer diese Nazibilder. Der Ton, Herr Doktor, war immer so: „Komm! Gehen wir! Los! Und so weiter. Und schneller!“ Also immer dieser Ton. Dieser ewige Ton. Und die Gitter, alles vergittert. Vom Anfang bis zum Ende. Und die Erzieherinnen waren qualvoll, qualvoll. Die sind hereingekommen bei der Tür, wenn du nur irgendeinen Fehler gemacht hast, den kleinsten Fehler...

Und ich habe dann die Gnade gehabt, ich sage das ein bisschen zynisch, weil die Schwester Fink mich gern gehabt hat, die hat das auch so unter der Hand gemacht. Sagt sie: „Weißt du was, ich gebe dir...“ Wir haben so einen kleinen Raum gehabt, da sind Dinge, so Lappen gelegen und so weiter, und „da machst du Ordnung“. Und da ist gestanden auch so eine kleine..., vielleicht ein Liter, Himbeersaft. Und das war für die damalige Zeit so, wie wenn ich sagen würde, ich gehe jetzt einkaufen, um 10.000 € Schmuck für meine Frau, so im Verhältnis, ja. Und ich sehe den Himbeersaft, da war [ich] allein dort, natürlich. Habe ich einen Becher gefunden und habe versucht, den Himbeersaft, ein paar Tropfen in den Becher hineinzubringen und dass ich einmal einen Himbeersaft trinke. Ein Pech wie ich habe, fällt mir die Flasche hinunter. Jetzt habe ich probiert das Glas, da war so ein kleiner Abfluss, habe ich probiert, das Glas in den Abfluss hineinzubringen, natürlich unmöglich. Dann kommt die Erzieherin daher. Also die Ohrfeige war das Mindeste. Und da will ich noch etwas sagen, bevor die Strafe kommt: Wir haben bei den Ohrfeigen, bei den Schlägen am Anfang geweint. Das ist bald weg gewesen. Das kommt bald weg. Dann ist die Phase des Lachens gekommen. Wir haben dann nur mehr gelacht. Wir haben die Erzieherinnen richtig ausgelacht. Die haben sich dann noch mehr..., aber das hat uns Freude gemacht. Umso mehr die sich..., haben wir dann nur mehr gegrinst, obwohl die Ohrfeige wehgetan hat. Aber zu der. Es war im Winter, Februar, Februar 1944 oder ’45, auf jeden Fall war es im Februar. Kalt, sieben, acht Grad Kälte, im Vorgarten ist ein bisschen Schnee gelegen, so wie Zucker. Sagt: „Höre, ziehe dich aus.“ – „Ja“, ich ziehe mich aus. „Alles.“ – „Alles?“ – „Ja, bis auf die Unterhosen.“ Na gut, machen wir, da hat es doch keine Frage gegeben. Die geht mit mir in den Garten hinaus, das musst du dir einmal vorstellen. „So, und jetzt tust du robben. – 40 Mal!“ Beim zehnten Mal war es aus. Ich bin zusammengefallen wie ein Stück Holz, ja. „Komm heraus da.“ – „Bitte, bitte, um Verzeihung“, habe ich gesagt, „bitte, bitte. Ich werde es nie wieder tun. Bitte um Verzeihung. Ich weiß, ich bin ein Volksschädling, weil ich bin ein Volksschädling, weil ich den Himbeersaft zerschlagen habe, weil die deutschen Soldaten sind im Krieg und kämpfen um alles, und du frisst dich da an und liegst im weißen Bett“, und so weiter. Also der ganze Scheiß, Verzeihung, ist da abgegangen. Ja, die hat nicht reagiert. Die hat auf mein Weinen nicht reagiert, die hat auf mein..., nichts. Bis mir endlich, endlich das eingefallen ist, was mir ein Freund, ein älterer Bursch, gesagt hat: „Du musst einen Satz sagen, auf den stehen sie: ‚Ich bitte um Verzeihung. Und ich weiß, dass ich an dem Schuld bin. Ich bin ein schlechtes Kind.‘“ Nach diesem Satz war sie befriedigt. Wie sexuell befriedigt, also die müssen einen Orgasmus dabei gehabt haben, weil sonst gibt es ja das nicht. Dass man ein Kind..., dass das ein Kind..., also können Sie sich das heute vorstellen, dass man so mit einem Kind, überhaupt in der Art, umgeht, ja?

Mein Bruder ist von meiner Mutter, das war ein Trampel, das muss man ehrlich sagen, ein Nazi-Trampel, weil anders kann man das nicht sagen, der war bei den Sängerknaben. Die nimmt ihn von den Sängerknaben weg, beim Hitler, gibt ihn zu der Napola [Nationalpolitische Erziehungsanstalt], zu dieser Mordanstalt fürs Töten, weil das war ja nichts anderes. Und dort ist er natürlich total... Da ist mir Folgendes passiert. Da sehen Sie... Der kommt herauf ins Heim, was nie einer durfte, nie. Mit dem Kapperl, Nazi-Bub von der Napola. Sagt er: „Lois, du kannst mit mir jetzt nach Schönbrunn gehen.“ – „Wieso, ich kann doch nicht...“ – „Ich habe das gemacht. Ich komme von der Napola, ich bin ein Kind des Führers.“ Also bitte schön. Nimmt mich der in die 10er Straßenbahn, jetzt kommt es... Ein Mundwerk hat er gehabt... Steigen wir in den 10er Wagen ein, da war noch die Plattform, die alte Tramway mit dem Abläuten. Habe ich mir gedacht: „Naja, ein Tag mit ihm nach Schönbrunn, darauf freue ich mich“, nicht. Fahren wir im 10er Wagen, steigt ein Mann ein. Ich habe das..., da sieht man, wie der geschult war, ja. Ich habe das gar nicht mitbekommen. Und die Aktentasche, so eine alte Tasche. Sagt er: „Schau den Mann an.“ Sage ich: „Ja, was ist?“ – „Also der trägt die Tasche so, da stimmt etwas nicht.“ Sage ich: „Franzl, lass den, wir fahren nach Schönbrunn.“ – „Was verstehst du schon, du Trottel du. – Geben Sie die Tasche runter!“ Der Mann war weiß wie Schnee. Judenstern. „Und raus aus der Straßenbahn! Und raus du Judensau!“ Ein Bub mit vierzehn Jahren! Die Straßenbahnerin hat abgeläutet, die Leute sind dort gesessen wie... Ich habe gesagt: „Franz, ich geniere mich.“ Ich habe mich auch bis zum... So war das. So war es, genau so.

Grauenhaft. Wir haben uns gegenseitig geprügelt, die Stärkeren die Schwächeren, auf Wunsch der Erzieherinnen, das war ihnen sehr recht, ja. Wir haben die Betten auseinander genommen, dass er durchgefallen ist, wir haben uns gegenseitig geschlagen, wir haben uns ins Wasser [getaucht]... Wir haben alles das gemacht, was die Nazis gerne gesehen haben, haben wir uns gegenseitig angetan, ja. Solidarität war da keine. Herr Doktor, wenn Ihnen das einer erzählt, dann hat er die Märchenstunde von der Tante Jole erzählt, aber die Kinder untereinander, der Schwächere war der Schwächste und der Stärkere... Das wurde im Prinzip auch unter den Kindern unter sich, und beim Essen dasselbe, als ob sie... Um zwei Zehntel Schöpflöffel Suppe haben wir..., zwei Zehntel Schöpflöffel Suppe, ja, da ist gerauft worden, um den letzten Rest, da hat einer [gesagt]: „Wenn du mir ein Brot gibst“ – ich darf das gar nicht laut sagen – „wenn du mir ein Brot gibst, ich mache mit dir..., im Bett...“, und so weiter. Also, so waren die Zustände. Und onanieren, na das war eine Katastrophe. Onanieren, ich habe es zum Glück nicht wollen und nicht gemacht, weil ich zu jung war, aber die onaniert haben, und von den Erzieherinnen erwischt wurden, weil die sind mit Filzpantoffeln ins Schlafzimmer gegangen, haben geschaut, welche Decke sich bewegt, da gibt es ja gewisse Bewegungen dabei, bekanntlich, nicht wahr, die hat dem die Decke weggerissen, und am nächsten Tag hat er alle zehn Finger in die blaue Flüssigkeit tauchen müssen und ist so tagelang gekennzeichnet durch die Gegend gegangen. Er ist nicht nur von denen, er ist auch von uns verspottet worden und überhaupt, ja. Also, onanieren war, das war die Nazi-Theorie, schädigt das Gehirn, ja, schädigt das Rückgrat, macht dumm.

Und in den Schlafsälen, so wie Sie die Pavillons kennen, war ja nur Steinboden, Klinker, da war nichts da, sind keine Teppiche gelegen wie hier. Auf jeden Fall der Bub, der eine Bub, der da oben geritten ist, also aufgesessen ist, ist dummerweise, ungeschickterweise heruntergefallen, und da war so ein hoher Dorn im Bett drinnen, also das, was das Gitter gehalten hat, und er fliegt mit dem [Kinn] da hinein und stößt sich den Dorn da durch, ja. Herr Doktor, der hat sich den Dorn herausgezogen, selber herausgezogen. Der ist schreiend hinausgegangen, schreiend ist er hinausgegangen aus dem Schlafsaal, und die Erzieherin hat Folgendes gesagt: „So etwas kann nur einem Trottel passieren.“ Kein Bedauern, „nur einem Trottel“. Denselben Bub habe ich nach Jahren, wo heute das Café Europa ist, da am Westbahnhof war eine Bäckerei, habe ich ihn getroffen, hat er Semmeln oder so etwas ausgetragen, habe ich ihn getroffen, nicht. Und, also, der hat, Schicksal, Mitleid oder „Es tut mir leid“ von den Erziehern, in keinster Weise. Wir waren unwertes Leben, aus, Ende, Schluss, wir waren unnütze Esser. Und das war es, das hat genügt, nicht wahr, so wurde ich klassifiziert, nicht, über das Essen. Dann haben wir einen gehabt, der hat Martin geheißen, das war ein Dicker, mein Gott, das war furchtbar. Die Kinder, die Augengläser getragen haben, die sind ohnehin ausgespottet worden, von uns auch, ja, „Glasscherbenboden“ und weiß der Kuckuck was, und er war halt dick, und seine Mutter hat, ich weiß nicht wie das gegangen ist, die hat halt Essen bringen können, die hat das den Erzieherinnen auch gegeben. Ich bin ja nicht dahintergekommen, auf jeden Fall haben wir alle eine Wut auf den gehabt, weil der hat Essen gehabt, und wir haben keines gehabt. Und dem Martin haben wir eben etwas zu Fleiß tun wollen, haben wir ihm das Bett auseinandergeschraubt, total auseinandergenommen, so schön wieder zusammen, nur..., und wir sind alle ins Bett hineingesprungen, natürlich absichtlich, und er ist auch ins Bett. Das Bett ist auseinander geflogen, der hat sich weh getan, wir haben gelacht darüber, für uns war es zum Lachen, ja. Wir waren die reinsten Sa[disten]. Wir sind zum Sadismus erzogen worden, auch untereinander.

Und eines Tages, oder eines Nachts, wie man es auch immer nimmt, es war auf jeden Fall so, wachen wir auf, kein Schreien, kein Brüllen, kein gar nichts. Wir waren allein. Einer von den Buben, das habe ich dann im Theaterstück: „Hört, die sind getürmt, die Trampeln“, also wie Kinder eben reden, „die Arschlöcher“ und so weiter, nicht. „Gehen wir ins Schwesternzimmer hinein.“ Herr Philipp, Herr Doktor, Entschuldigung, das Schwesternzimmer, da ist nichts ganz geblieben, vom Hitlerbild angefangen bis zu ihrem Bett, also da haben sie die Wut herausgelassen. Also, alles zusammengeschlagen, kurz und klein, und dann haben wir Brot gesucht, dann haben wir irgendwie so ein Stück Brot gefunden, und das war ein... Da haben die Großen das Brot erwischt, die Kleinen haben das Brot nicht erwischt, und... Jetzt sind wir dagestanden, mutterseelenallein, das war so. Ja, sagt einer von den größeren Buben, sagt er: „Also, was machen wir jetzt? Wir können hinausgehen und können in die Küche, oder...“ Wir sind aber gar nicht so weit gekommen. Plötzlich, hast du das diskutiert, jetzt stehen auf einmal Österreicher da, also die sind mit einer roten Armbinde, von der Kommunistischen Partei, und Russen, kleine Russen. Wir haben immer..., uns haben sie immer erzählt, das sind Menschenfresser, derweilen waren das so kleine – also kleine – so Mongolen. Was haben sie uns gegeben? Nicht Brot, auf das wir gewartet haben, Zigaretten, nicht. Das war das Beste. Ich habe mich angespieben bis über den Kragen, weil ich das nicht vertragen habe.

Und ich habe mich halt weiter organisiert, in der Sozialistischen Jugend, da war der Genosse Nedwed da, der Hindels und so weiter und so weiter. Da bin ich dann in die Marxistische Arbeitsgemeinschaft gegangen und so weiter. Und dort habe ich zum ersten Mal in meinem Leben Menschen, Freunde kennengelernt, die mich genommen haben, wie ich bin. Wo ich reden konnte, wo ich auch Freude gehabt habe, wo ich Anerkennung gehabt habe. So habe ich mich also als linker Sozialist entwickelt, na ich darf nicht..., na, ist ja egal. Habe mich entwickelt und bin halt dort stolz mit der Fahne..., nicht wahr, am 1. Mai, da ist der Körner gestanden, also der Körner war der Herrgott. Ich bin vorbeigegangen mit der roten Fahne, also ich habe geglüht wie ein... Und der..., ich habe so Nelken, so Papiernelken in der Hand gehalten, und ich gehe hin, und er auf der Tribüne, und ich gehe vorbei und gebe ihm halt die Nelken, sage ich: „Genosse“. Der streichelt mir über den Kopf und gibt mir die Hand und was. Ich bin nach Hause gekommen, ich habe mich drei Tage nicht gewaschen vor lauter Freude.

Ich habe am Viktor-Adler-Markt einmal den Strache erlebt, da war meine Frau Gemüse einkaufen, ich habe geglaubt ich bin beim Hitler. Tausende Menschen, nicht wahr, Tausende, die Polizei hat ihm die Hand gegeben, die Leute haben Autogramme von ihm wollen, also ich habe gedacht, ich bin in einer anderen Zeit. Sind die alle blöd? Wissen die nicht, was einmal war, ja. Da muss man noch viel tun, viel. Denn in Ungarn sind die Rechten am Ruder, Sie wissen, in Belgien ist der mit den weißen Haaren da, also der ist überhaupt... Die Rechten sind sehr... Ich will als Sozialist und als politisch denkender Mensch das nicht mehr erleben, ich nicht mehr. Weil da mache ich das Fenster auf und springe hinunter vom siebten Stock, ich möchte das nicht mehr erleben.

Und ich verstehe nicht, warum die Leute mit den Nazis so zart umgehen, das verstehe ich nicht. Mit dieser ganzen FPÖ und wie die alle heißen, das ist ja eine Brut, das ist eine Brut. Einer wie..., die Wurzeln sind im Nationalsozialismus, nicht. Aber bitte. Ich bin ja nur der kleine Kaufmann, nicht. Mein Buch „Der Totenwagen“ hat in Frankfurt an der Buchmesse den dritten Preis bekommen, in Österreich null, kümmert sich kein Mensch, nichts, aber ist ja egal. Ich werde, so lange ich lebe und so lange ich atmen kann und so lange ich denken kann, werde ich das bleiben, was ich bin, ein linker Sozialist, ein Antifaschist bis in die Knochen. Und mir kommt die Abscheu, wenn ich dieses Anbiedern an die Rechten sehe, ja, dieses... Da beginnt bei mir alles zu zittern, nicht.

Ich bin dafür, dass man eine Gesellschaft schafft, die sozial ist, die demokratisch ist, aber die auch die Schwächen sieht, ja. Man kann nicht in einer Demokratie, weil man alles kann, weil man alles darf, das kann man nicht bis zum Endlosen ausnützen, da muss man schon schauen. Aber man darf nicht verkehrt anfangen, denn 10% der österreichischen Bevölkerung besitzen 70% Kapital. Da kann man anhalten. Aber nicht, dass man anfängt, die erste und zweite Stufe beim Pflegegeld, also da, lieber Herr Doktor, da finde ich keinen Zusammenhang als Sozialist, überhaupt keinen. Das ist der Gewinn für den Strache. Da sind die Fehler drinnen, und das muss man einmal ehrlich sagen.

Wir haben uns geschämt, buchstäblich geschämt zu sagen, dass wir dort in einer Erziehungsanstalt waren, in einer Euthanasie[anstalt], das ist uns nicht einmal über die Lippen gekommen. Ich habe es niemandem erzählt. Und meine Stiefmutter: „Dass du das niemandem erzählst. Da brauchst du gar nicht stolz darauf zu sein.“ Das war die Antwort, nach dem Krieg, von der Stiefmutter. Na, und ich habe halt nichts gesagt.

Es ist die Angst, die mich bis zum heutigen Tag begleitet. Eine Todesangst habe ich, furchtbare Todesangst noch bis zum heutigen [Tag]. Wenn ich nicht meine Frau hätte, also. Ich habe lange gebraucht bis ich in ein Flugzeug gestiegen bin, also das war ein Wahnsinn.

Der Magistrat hat mir..., ich könnte Ihnen das stoßweise zeigen, nur „angehalten“ und lauter so... Bis dann endlich ein Arzt, der Doktor Salzmann, einen Bericht über mich geschrieben hat, nachdem er mich zweieinhalb Stunden untersucht hat, aber wirklich, und da ist gestanden: „Der Mann ist total zerstört [worden] als Kind.“ Ich war nicht fähig, auf der Straße zu gehen, ich konnte nicht gehen, ich konnte keinen Platze überqueren, keine Brücke, ich habe dauernd Angst gehabt, ich habe geweint ununterbrochen, bis ich dann in die ESRA gekommen bin, zum Herrn Tauber, zu dem gehe ich öfters, und zum Vyssoki, der hat dann aber aus mir langsam... Ich konnte beim Aussteigen vom Nestroyplatz, das müssen Sie sich vorstellen, das Stück in die ESRA nicht gehen. Ich konnte nicht alleine gehen, es war un[möglich]. Ich habe zum Weinen angefangen, ich habe zum Schreien angefangen.

Es hat Jahre gedauert, Jahre. Und wenn ich heute einen Film..., der Doktor, der Herr Tauber, mein Psychologe, sagt: „Schauen Sie sich ja keine Filme an, bitte nicht, machen Sie das nicht, ja.“ Ich habe mir einmal einen Film angeschaut über... Ich habe geheult, ich habe geweint, geweint, ununterbrochen. „Schindlers Liste“, dasselbe: Ich habe nur geweint. Also es kommt sofort hoch, alles hoch.

Ich bin mit einem totalen Nervenzusammenbruch..., ich war privat in Behandlung, das hat meine Frau gezahlt, das hat mich viel Geld gekostet. Bin ich hinauf gekommen auf den Pavillon 8, in der Jetztzeit, ja, im letzten Stock, wo nur Privatpatienten hinkommen, zum Primar Schinko, der war im Fernsehen, und der hat mich dort behandelt. Und ich bin dort im Bett gelegen, neben mir ist einer gelegen, der hat Huss geheißen, war ein Nazi. Ein Nazi wie er im... Am Geburtstag des Führers – in der Jetztzeit! – hat er Rum getrunken, dass er umgefallen ist. Der war der Diener vom Primarius, der hat den Haushalt geputzt, der hat den Wagen geputzt, der hat den Teppich gereinigt, der hat den Garten gepflegt, der hat alles gemacht, alles gemacht. Und einmal sagt der Schinko zu mir, da war etwas im Fernsehen, sagt er: „Du Kaufmann, sei so gut, ich habe eine Bitte an dich.“ Ich sage: „Ja.“ – „Ich gebe dir einen weißen Mantel.“ Wenn das nicht wahr ist, fragen Sie meine Frau. „Ich gebe dir einen weißen [Mantel].“ – [Das hat sich] alles abgespielt in den ’70er, ’80er Jahren, ja. „Ich gebe dir einen weißen Mantel, da steht ‚Gemeinde Wien‘, gib dir da ein Stethoskop hinein oder etwas, rede kein Wort. Du bist ein junger...“ – damals war ich noch wesentlich [jünger] – „Du bist ein junger Arzt aus München, der hier lernen will, aber bitte rede kein Wort, weil was du jetzt siehst...“ Der macht im Pavillon 17 auf, naja, Pavillon, macht ein Zimmer auf. Herr Doktor, ich habe geglaubt, das gibt es nicht. Ein Raum, nicht einmal so groß wie dieser, mit zehn Leuten, mit Männern, ohne Matratze, teilweise, die sind sich ununterbrochen mit dem Fi[nger] – ich muss das leider vor einer Frau sagen – ununterbrochen mit dem Finger in den Analbereich gefahren, bis ihnen das Blut gekommen ist. Geistig total..., das hat ausgeschaut, ich glaube der Stephen King hätte dort lernen können, ja, also entsetzlich. Da war einer dabei, der hat rechnen können, es gibt solche Leute, ja. Wenn du zu dem gesagt hast: 315 mal 320, zack, zack, zack, der hat das gewusst, ja. Aber total... Und da war die Jakobi dort, da war noch die Stadträtin Jakobi, die hat das auch hören wollen, und der hat ihr in den Finger gebissen. Natürlich hat es eine riesen... Also ich habe den Raum gesehen, Herr Doktor, ich sage Ihnen, es war..., ich habe geglaubt, ich bin in der Nazi-Zeit, ja. Was die Pfleger bis 1970 und ’80 mit den geistig Behinderten aufgeführt haben in Steinhof, das war ein Kapitel für sich. Wir haben einen gekannt, der hat ein Wirtshaus gehabt: „Weißt du was, wenn der ungut wird, der Alte, habe ich ihn genommen, in die Wanne geworfen, und ich habe ihn an den Füßen gezogen.“ Na klar, wenn einer in der Wanne drinnen liegt, den ziehen sie bei den Füßen, der ist ja rettungslos verloren, der ist verloren. Der geht unter und Ende. Das waren die Späße nach dem Krieg, lange nach dem Krieg. Und lange wollten sie vom Spiegelgrund nichts wissen, nichts, und das ist jetzt mein Kapitel, nichts wissen. Da hat der Herr Vizebürgermeister Meyer, das war ein Genosse von mir in der Sektion 2, in Hütteldorf, auf der Hütteldorfer Straße, hat gesagt wortwörtlich: „Wegen ein paar Schwachsinnigen werden wir nicht die Wahl verlieren.“ Ja, so war das. [Das wurde] lange Zeit verschwiegen, lange Zeit. Und heute, und ich sage, ich weiß, jetzt mache ich noch..., es wäre denen am liebsten, der Kaufmann und andere dazu würden endlich den Mund halten, das wäre ihnen noch lieber, ja.