Interview Karl Hamedler

Ich bin der Herr Karl Hamedler, bin geboren am 16.7.1930 in Wien. Bin ein außereheliches Kind und bin bei der Geburt von meinem Vater übernommen worden. Meine Mutter war ein Dienstmädchen. Aber das eine ist merkwürdig, ich habe müssen bei jeder…, wenn ich irgendwo auf ein Amt gekommen bin und habe ein Formular ausfüllen müssen, habe ich jedes Mal hinschreiben müssen: „Vater unbekannt“. Also das war mir ein Rätsel, bis heute. Weiß nicht, wieso. Und war dort bei meinem Vater, der hat mich natürlich dauernd misshandelt. Weil wahrscheinlich war ich ein, wie sagt man, ein unerwünschtes Kind, auf Deutsch gesagt. Und meine Mutter, die hat 1937 einen Heizer von einem Donauschlepper geheiratet und ist nach Bratislava gezogen und ist in Bratislava geblieben. Hat sich nicht mehr um mich gekümmert, habe dann nie mehr etwas von ihr gehört. Und das war dann… Ich habe die Schule gemacht in Floridsdorf, vier [Klassen] Volks- und Hauptschule, und 1941, ja, 1941 war das, bin ich dann von zuhause davongelaufen, weil ich dauernd misshandelt worden bin. Ich habe meine Hiebe bekommen, das habe ich nicht mehr ertragen.

Und da war ja noch der alte Nordbahnhof, auf der Nordbahnstraße, dort hat mich die Feldgendarmerie aufgegriffen und hat mich in die Lustkandlgasse, in die Kinderübernahmsstelle übergeben. Von der Kinderübernahmsstelle bin ich auf den Spiegelgrund gekommen. Hat es geheißen, das ist eine Erziehungsanstalt. Und da bin ich das erste Mal mit dem Professor Doktor Groß, bin ich da bekannt geworden. Und ich habe dort dann dauernd Spritzen bekommen, noch und noch, ich bin nur mehr in einem Delirium gewesen.

Bei der nächsten Gelegenheit, da haben wir dann spazieren gehen dürfen mit einer Schwester, und da habe ich die Gelegenheit genutzt, sind wir spazieren gegangen in der Maroltingergasse unten in Ottakring, wo die Endstation vom 46er ist, und damals hat es noch die offenen Beiwägen bei der Straßenbahn gegeben. Und wir sind dort vorbeigangen, und da ist gerade ein 46er dort gestanden, bin ich hinaufgesprungen, und weg war ich. Na, und bin dann automatisch in den Prater hinuntergefahren, in den 2. Bezirk, das war ein Magnet für mich. Und dort haben sie mich dann nach zwei Tagen wieder erwischt, haben sie mich wieder auf den Spiegelgrund gebracht. Da bin ich [zuerst] einmal in eine eiskalte Badewanne geworfen worden, zur Ernüchterung. Ich weiß nicht, betrunken war ich aber nicht, wozu eine Ernüchterung? Und wieder zum Professor Groß gekommen, wie ich mir das Leben vorstelle, und ich bin unbelehrbar, und weiß ich, was er mir alles erzählt hat. Na gut, dann bin ich ein zweites Mal vom Steinhof geflüchtet. Bin ich hinten hinaus bei der Feuerwehr, da war früher ein großer Obstgarten hinten, ob der heute noch ist, weiß ich nicht. Bin ich hinten bei der Feuerwehr hinaus, und hinunter nach Ottakring, und weg war ich wieder. Wieder drei Tage weg gewesen. Und so ist das dahingangen, haben sie mich natürlich wieder erwischt, ist logisch.

„Wiener städtische Erziehungsanstalt am Spiegelgrund. Der Minderjährige wurde am 5. 6. 1942 vom Kinderheim Kollburggasse unserer Anstalt zur Beobachtung eingewiesen. Überstellungsgrund: Misshandlungsgefahr, von der Kripo aufgegriffen. Die Erhebungen unserer Anstalt ergaben…, dabei… ist nichts Nachteiliges bekannt. Sich angeblich im Stadium der Trunkenheit… Sein Großvater hat sich angeblich im Stadium der Trunkenheit erhängt. Über Kindesmutter, 37 Jahre alt, konnte nichts in Erfahrung gebracht werden, da sie unbekannten Aufenthaltes ist und sich um das Kind nie kümmerte. Sie soll angeblich verheiratet sein. Kindesvater, 33 Jahre alt, Chemiker, ist verheiratet und wohnt in Gerasdorf. Seine Gattin, die Stiefmutter des Minderjährigen, soll angeblich einen netten Eindruck machen und um das Kind besorgt sein. Der Minderjährige ist das erste Kind. Er ist seit seiner Geburt dem Jugendamt bekannt, da gegen ihn die Vormundschaft geführt wurde…, da über ihn die Vormundschaft... Am 30. 8. 1941 übernahm der Kindesvater die Vormundschaft. Der Junge war auf vier verschiedenen Pflegestellen, bis er 1933 vom Kindesvater übernommen wurde. Er wurde stets gut gehalten, auch haben die Eltern keinerlei Klagen über ihn. Erst im Jahre 1943 begannen ordentliche Erziehungsschwierigkeiten. Der Junge stürzte Schule und trieb sich auf der Gasse herum…, wurde er von der Kriminalpolizei am Nordbahnhof aufgegriffen. Er zeigte wieder…“ Das Originalpausit vom Archiv, das kannst du nicht lesen.

Na und gut, haben sie mich dann nach Mödling geschickt. Das war ein nationalsozialistisches Erziehungsheim. Bin ich in Mödling gewesen, und da bin ich zuerst auf einer Gruppe gewesen, sind wir auf einem…, Drasche-Acker [nach Familie Drasche] hat der geheißen, das war in Inzersdorf, auf einem Drasche-Acker, dort haben wir Erbsen pflücken müssen. Und da hat ein jeder einen 50-Kilo-Sack voll mit Erbsen pflücken müssen. Und wenn die nicht gepflückt wurden, bist du an den Straftisch gekommen. Und der Straftisch war… da hast du nichts zu essen bekommen, und hast den ganzen Tag ruhig sein müssen, nichts reden, also unwahrscheinlich alles.

Und da war der Luftschutzdienst, da hat man einmal in der Woche Luftschutzdienst machen müssen. Und das Heim war im Hyrtl’schen Waisenhaus in Mödling. Und da war anschließend eine Kirche, und da oben bei der Kirche habe ich mit einem Kollegen die ganze Nacht verbringen müssen, mit einem Kübel Wasser und mit einem nassen Fetzen, und warten, bis das zum Brennen anfängt, was natürlich nie der Fall war, weil die Kirche steht heute noch.

In Mödling bin ich dann auch zweimal ausgerissen. Bin wieder zurückgekommen. Strafweise exerzieren müssen. Da war hinten ein Sportplatz, strafweise exerzieren müssen. Dann war ein Schlafsaal, da waren 20 Betten drinnen. Da hat es geheißen in der Nacht: „Alles auf!“ Das waren Erzieher, die haben sich Erzieher genannt, waren aber SSler. Und einen Kübel Wasser nach dem anderen aufgeschüttet in den Schlafsaal. Dann haben wir die Hände vorstrecken müssen, da ist ein Karabiner daraufgelegt worden, da haben wir in der Wasserlache froschhüpfen müssen, rundherum um die Betten. Das ist eine halbe, dreiviertel Stunde gegangen. Dann hast eh nicht mehr können, bist zusammengefallen. Aber nicht, dass du geglaubt hast, du hast dich niederlegen können. Hast das ganze Schlafzimmer einmal aufwaschen müssen, also das ganze Wasser zusammensammeln und aufwischen, solange, bis es trocken ist. Und da sind die dabeigestanden, die Erzieher, die sogenannten, und wehe, du hast dich da irgendwie drücken wollen, ist nicht gegangen.

Dann bin ich, von Mödling bin ich in die Kollburggasse gekommen, das war in Ottakring, in Lichtental war das, glaube, Lichtental hat das geheißen da unten, das Viertel. Das war auch so ein halbes Nazi-Heim. Auch nur Horst-Wessel-Lied singen und Deutschlandlied singen und lauter so Sachen. Dort war ich aber nicht lang. Ich glaube, zwei Monate war ich dort. Dann bin ich in die Josef-Hackl-Gasse gekommen, das war ein Kloster, in Währing, im 18. Bezirk, in der Antonigasse. Bin ich dorthin gekommen, lauter Klosterschwestern, die waren noch ärger als die SSler, das kann man sich ja gar nicht vorstellen. Also da hat es nur Hiebe gegeben bei denen, die waren, fürchterlich waren die. Die Köpfe zusammen, die Hände über den Kopf zusammengeschlagen, dass es so etwas überhaupt gibt.

Na gut, und habe ich das auch hinter mich gebracht. Bin dann entlassen worden und bin zu meinem Vater gekommen. Und bin bei meinem Vater gewesen. Habe ich eine Verständigung bekommen, eine Einberufung zur Hitler-Jugend. Und da war, in Kagran war das, die Bannleitung hat das damals geheißen, die Bannleitung 509. Daran kann ich mich noch gut erinnern, weil da habe ich oben auf der Achselklappe die Nummer stehen gehabt, „Bann 509“. Und da haben sie uns gelockt, wir machen einen Skikurs auf der Plannerhütte in der Steiermark. Nur aus der Skihütte, aus dem Skikurs ist natürlich nie etwas geworden. Die erste Nacht haben wir Kabeln legen müssen, beim Gestüt in Kagran haben wir Kabeln legen müssen, weil dort haben sie Flak-Geschütze aufgebaut, da haben wir Kabeln legen müssen. Und haben wir die Kabeln gelegt gehabt, am nächsten Tag haben wir um zwölf in der Nacht von Am Spitz in Floridsdorf, vom Rathaus, Strohsäcke tragen müssen ins Krankenhaus in die Franklinstraße in Floridsdorf, weil da haben sie einen Transport mit erfrorenen Soldaten von Sibirien erwartet. Und da haben wir schon die ganze Nacht Strohsäcke getragen. Na gut, dann bin ich eingeteilt worden, da war beim Mautner-Markhof, auf der Prager Straße war früher die Brauerei, der Gambrinus. Bin ich eingeteilt worden, da sind wir mit einem höheren Kerl gefahren, mit einem Auto, wenn Bombenangriffe waren, die Ausgebombten verpflegen. Na, haben wir die verpflegt, und da sind wir Am Spitz vorbeigefahren, und da haben Juden gearbeitet, die Trümmer weggeräumt, von den Bombenangriffen. Und da ist uns Wurst und Butter übrig geblieben, habe ich denen vom Auto hinuntergeworfen, Wurst und Butter. Am nächsten Tag kommt der Bannführer zu mir, sagt er: „Am liebsten würde ich dich erschießen.“ Sage ich: „Weswegen?“ Sagt er: „Du hast den Juden etwas zum Essen geben.“ Sage ich: „Na und, was ist da dabei?“ – „Bist du ein Hitler-Junge?“, hat er gesagt. Sagt er: „Das kann ich mir nicht vorstellen, dass du ein Hitler-Junge bist.“ Sage ich: „Na, ich habe auch nicht behauptet, dass ich einer bin.“ Na gut, bin ich noch mit einem blauen Auge davongekommen. Dann bin ich strafweise in die Eichkogelsiedlung versetzt worden, das ist bei Mödling, beim Anninger [Berg] in der Nähe, Guntramsdorf. Dort war eine Flak-Batterie. Dort bin ich hingekommen als Flak-Helfer. Damals war ich 14 Jahre alt, noch nicht einmal 14.

Haben wir die Munition getragen, da haben wir noch einen Amerikaner abgeschossen, also ich nicht, die Typen da, die dort waren. Und da war ein Funker, der ist zu mir gekommen, und da war der Ruziczka Franz, das war ein Schulkollege von mir, der war mit mir in derselben Einheit. Kommt der Funker zu mir, sagt er: „Wo ist denn da Baden?“ Sage ich: „Das ist vielleicht 20 Kilometer entfernt.“ Sagt er: „Na, da schauen wir schön aus der Wäsche.“ Sage ich: „Was ist denn in Baden?“ Sagt er: „Die Russen sind in Baden.“ Sage ich: „Na, großartig.“ Ich habe natürlich nichts Eiligeres zu tun gehabt, habe zum Franz gesagt, zum Ruziczka, habe ich gesagt: „Franz, wir sind weg. Die Russen sind in Baden.“ Sind wir abgehauen.

Da bin ich dann heimgekommen, und da haben sie meinen Vater, meinen Vater haben sie gerade entführt, die Russen, der hat in Seyring Flugzeughangar graben müssen, also der war außer Dienst, momentan. Und meine Stiefmutter, weil er hat dann geheiratet, und meine Stiefmutter, also mit der habe ich mich so recht und schlecht vertragen. Dann bin ich zu meinen Großeltern gekommen, und bin dort eine Zeit bei den Großeltern gewesen, aber, das war halt ein trauriges Leben, das Ganze.

In dem Alter weißt ja nicht, was du anfangen sollst. Stehst mitten da in der Welt, keiner scheißt sich um dich, auf Deutsch gesagt. Ich habe mich dann mit dem Schleichhandel befasst. Inzwischen ist mein Vater wieder zurückgekommen, und der war ein großer Kommunist. Der hat Arbeit bei der Polizei gekriegt. Früher war er Verkäufer in einem Lebensmittelgeschäft und hat dann die Arbeit bei der Polizei bekommen. Und ist zur Polizei gekommen, und sein guter Sohn hat sich am Naschmarkt mit Schleichhandel befasst.

Und das ist dann ungefähr bis ins 1947er Jahr gegangen.

Dann habe ich die Lehre abgeschlossen, und das war, im Oktober 1950 war das. Und da war gerade der Wirbel von den Kommunisten in Wien. Da haben sie, in die Straßenbahn-Weichen haben sie lastautoweise Sand hineingeschüttet und alles blockiert, was gegangen ist. Also da haben sie die Macht an sich reißen wollen, und da war der Olah, der hat das Ganze damals verhindert. Und da habe ich gerade die Prüfung in der Handelskammer am Stubenring gehabt, als der Wirbel war.

Und beim Wanicek habe ich dann gearbeitet, da habe ich hauptsächlich beim Wiederaufbau gearbeitet. Gänsehäufel, Staatsoper, das ehemalige Kriegsministerium, wo heute das Regierungsgebäude drinnen ist, dann Burgtheater, Parlament, überall Aufbau, also Reparaturarbeiten. Und da ist eine Episode gewesen am Stubenring im Kriegsministerium. Da waren nämlich damals schon Gauner, nicht nur heute. Da sind die Autos mit Kupferkabeln gekommen, die sind vorn hineingefahren, sind ins Baubüro gegangen, haben sich den Lieferschein unterschreiben lassen und sind hinten wieder hinausgefahren. So ist es damals zugegangen. Aber heute regt sich darüber kein Mensch mehr auf.