Interview Leopoldine Maier

Meine Lebensgeschichte, ich rolle sie von hinten auf. Gerettet bin ich eigentlich worden durch eine Krankenschwester, die meiner Mutter gesagt hat, wenn sie mich nicht jeden Sonntag besucht, auch wenn sie mich nicht sehen darf, dann verschwinde ich irgendwann. Und die Kinder, die nicht besucht werden, die verschwinden, die verkommen irgendwo. Und sie ist dann wirklich gekommen, jeden Sonntag, und ich durfte sie nicht immer sehen. Wenn ich abgenommen habe, durfte ich sie nicht sehen, wenn ich nicht aufgegessen habe, durfte ich sie nicht sehen, wenn ich erbrochen habe, durfte ich sie nicht sehen. Dann ist sie nach Mödling wieder zurückgefahren nach Hause, und so war das Ganze irgendwie für sie umsonst. Und das war das Ende. Und sie hat mich dann mit aller Gewalt heraus bekommen, ’44, also Ende ’44, und hat mich mit nach Hause genommen, eigentlich gegen den Willen der Leute dort. Meine Erinnerung ist ein riesiger Schlafsaal, mit Eisenbetten und Matratzen ohne Leintuch, und ein Speisesaal mit einem Holztisch, mit dem Essen, das man erbrochen hat, [das man] essen musste, solange, bis es weg war. Und die Wiegetage immer am Samstag, das war das Abnehmen und das Besuch-Bekommen oder Nicht-Besuch-Bekommen. Das ist immer dort entschieden worden, da war ich immer schweißgebadet, habe immer erbrochen vorher vor lauter Frust, und natürlich war die Gewichtszunahme bei mir einfach nicht da. Und ich glaube, wenn ich da nicht rechtzeitig weggeholt worden wäre, das hätte ich sicher nicht überlebt.

Es war die menschliche Kälte, die mich dort so verrückt gemacht hat. Es gab kein freundliches Wort, es gab keine Beziehung zu anderen Kindern, das wurde streng untersagt. Man war allein auf sich gestellt und eigentlich alleine allem ausgeliefert, was von einem verlangt worden ist, nicht. Durch kalten Schlamm marschieren, neben dem Bett nackt stehend, in der Kälte auf dem kalten Fußboden. Essen war immer so schlimm, wenn man es nicht gegessen hat, wenn man erbrochen hat, musste man das aufessen, Löffel für Löffel, bis es wieder weg war. Jetzt hat man natürlich zwischendurch wieder erbrochen, und das musste man wieder aufessen, und das war ein Albtraum. Manchmal träume ich jetzt noch davon. Ganz los kriegt man das nicht.

Von diesem Steinboden, von diesem kalten Bett mit der Matratze ohne Leintuch, und von dieser Angst, ob ich jetzt eingenässt habe oder nicht, und welche Strafe dann kommen wird, knien, stehen auf einem Bein, stundenlang, und wenn man natürlich geweint hat, dann war das eine Strafverschärfung, dann musste man noch irgendeine Sache durchstehen, das wurde dann immer so angegeben, was dann fällig war. Irgendwie laufen, im Kreis laufen und auf, nieder, Liegestütz, das alles in einem dünnen Hemdchen. Ich habe das Glück gehabt, ich habe überlebt, aber ich bin überzeugt, es haben nicht alle überlebt. Man hat auch keinen zwischenmenschlichen Kontakt gehabt zu anderen Kindern, das war überhaupt untersagt. Man durfte auch nicht reden mit anderen Kindern, das war so. Man war wirklich nur auf sich allein gestellt und mit seinen Ängsten ganz allein. Das ist natürlich für ein Kind schlimm. Und der Begriff „unwertes Leben“, das ist mir immer noch im Ohr. Das ist immer noch ein Schild über meinem Leben, wo darauf steht: Also du hast eigentlich gar kein Recht zu leben.

Können Sie sich das überhaupt vorstellen? Ohne Kontakt, ganz allein, mit niemandem reden, mit niemandem. Auch keine menschliche Wärme, ein Händehalten und ein Umarmen oder so, das war alles nicht. Das war alles nicht drinnen. Immer nur die Angst, was wird jetzt passieren, was hast du falsch gemacht, und was wird dir jetzt wieder vorgeworfen werden.

Ich bin ’35 geboren, also ich war gerade in dem Alter, in dem man eigentlich die Familie sehr gebraucht hätte oder die Mutter sehr gebraucht hätte, aber das... Und die offene Tuberkulose war natürlich auch ein Problem. Weil da sicher der ganze Aufenthalt nicht dazu beigetragen hat, dass die Kaverne geschlossen worden wäre, nicht. Ich habe natürlich immer Blut gespuckt und gehustet und bin punktiert worden, also ohne Anästhesie, einfach mit einer dicken, wie eine Stricknadel zwischen die Rippen gestochen, und das ist für ein Kind natürlich... Ich habe noch das Krachen, wie die Nadel zwischen die Rippen hineingerutscht ist [im Ohr].

Da gab es eine Untersuchung am Spiegelgrund, jetzt hört sich die läppisch an, aber damals wurde untersucht das Ohr, und zwar, die arischen Menschen haben das Ohrläppchen mit einem Spalt weg, und die jüdischen Menschen haben das Ohrläppchen angewachsen am Knochen. Also dieses Stück, welches da weg steht, das haben nur die arischen. Und da war ich natürlich froh, dass meine Läppchen nicht angewachsen waren. Aber ich bin überzeugt, es gibt sicher viele, die nicht angewachsen sind, und die doch jüdisch sind. Aber damals war das ja..., die Schädelmessungen, da wurde auch immer der Kopf gemessen und so. Das sind so diese Erinnerungen, die Lappalien sind, aber die dann doch, die sich irgendwie im Kopf festgehakt haben. Ich schaue jetzt immer auf Ohren, wenn ich irgendjemanden sehe und so. Es gibt ja extreme Ohren, die ganz verwachsen sind mit der Haut da hinter dem Ohr, nicht, wo überhaupt kein Spalt ist. Einmal Glück gehabt.

Es war ja jede froh, wenn die andere bestraft worden ist. Das ist das Schlimme an dieser Situation, dass man selber ja auch zu einem charakterlichen Schwein wird. Weil man war froh, wenn die andere bestraft wird, und selber ist man an diesem Tag entkommen. Also man war nicht solidarisiert mit den anderen, sondern man hat dann gezählt, heute kommt die dran, und heute wird die geschlagen, also komme ich heute nicht dran, also habe ich heute eine Chance, dass mir nichts passiert. Weil es wurde natürlich immer eine aus der Gruppe herausgeholt, und die wurde dann bestraft. Wenn man nicht die eine war, dann hat man Glück gehabt. Das war so, das fehlt eben, dass man zusammenhält und irgendwie ein Bollwerk ist gegen die anderen, das schafft man nicht. Man ist so konzentriert auf das eigene Überleben, dass man sich sagt, also ich mache mich ganz klein, ich ducke mich ganz klein, und mache mich ganz klein, dass sie mich übersehen werden.

Keinen Kontakt, keinen Kontakt. Aber, wie gesagt, das wurde absichtlich so zelebriert, dass wir, wenn wir uns mit einem Kind vertragen haben oder mit dem öfter gesprochen haben, wurden wir schon auseinander gelegt und auseinander gesetzt. Das war nicht erwünscht, dass wir miteinander reden. Es war auch nicht erwünscht, dass die Besucher untereinander sprechen. Da hatte jeder Angst um sein Kind und wollte sich nicht exponieren, also die sind auseinander gestoben nach der Besuchszeit, jeder in eine [andere] Richtung, und weg waren sie. Und diese furchtbare Situation, ich habe gewusst, die Mutti ist draußen, und sie darf mich nicht sehen, weil ich abgenommen habe, und sie ist trotzdem gekommen. Sie hat gewusst, sie darf mich nicht sehen, da ist sie von Mödling nach Wien gefahren. Damals mit den öffentlichen Verkehrsmitteln war ein Albtraum, nicht. Da war der 360-er und der 60-er Autobus und so. Da ist man stundenlang gefahren, hat gewartet und so weiter. Und sie ist gekommen, obwohl sie gewusst hat, sie darf mich nicht sehen, aber dass sie wenigstens da ist. Ich habe gewusst, sie ist draußen, im Besucherraum, und ich darf nicht zu ihr. Das ist ein Gefühl, das ist so wie furchtbare Verzweiflung und Wut und Angst, man weiß genau, man kann es nicht durchsetzen.

Der Schlafsaal war wie eine Halle, und es waren rechts und links so Betten aus Stahlrohr, also Metallbett mit Metalleinsatz, und darauf waren ganz grobe Matratzen. Und dort, diese Stahlrohrbetten mit den Röhren unten und oben, am Fußende und Kopfende, also auch kein Drahteinsatz oder so, das war ziemlich brutal. Und da waren die Betten so mit dem Kopf beim Fenster, und die Füße zur Mitte, und in der Mitte war manchmal ein Tisch, aber nicht immer. Jedenfalls ist man da gelegen so in Reih und Glied mit einer „Kotzen“, so haben die geheißen, diese Decken, das waren so raue, gewalkte Decken, und, wie gesagt, manchmal ein Leintuch, und wenn man natürlich eingenässt hat, dann war ja das nass, das Leintuch, und da musste man so lange darauf liegen, bis es trocken geworden ist, nicht. Und vor der ganzen Klasse, was heißt Klasse, vor einem Schlafsaal, wurde dann der eine, der eingenässt hat, hervorgehoben und beschimpft und öffentlich attackiert und so weiter. Wir mussten alle sagen, dass er ein Schwein ist und dass er sich schämen soll und dass aus ihm nie was wird und so. Und der Arme ist dann mit dem Nachthemd, mit dem nassen, und mit dem nassen Leintuch gestanden, wurde von allen Seiten dort beschimpft und belästigt. Und man hat natürlich gezittert, vielleicht bist du derjenige, der dort steht. Könnte ja sein, dass es dir auch einmal passiert, nicht.

Diese langen Nächte mit dieser Matratze, und der kalte Boden. Und es gab zwei Möglichkeiten: Entweder man ging aufs Klo, dann hat man furchtbar gefroren, weil das waren ja alles eiskalte Räume, oder man hat ins Bett gemacht, dann hat man in der Früh Prügel gekriegt und wurde bestraft. Das Aufwachen in der Nacht war dann immer ein Albtraum. Also was mache ich jetzt: Bleibe ich noch ein bißchen im warmen Bett, oder marschiere ich hinaus und bekomme dann meine Prügel. Mit ausgestreckten Händen, auf einem Bein stehend und nicht zittern dabei und nicht weinen, sonst musste man länger stehen. Und das waren solche Bosheiten, die eigentlich niemandem etwas geholfen haben, nicht, das war wirklich nur eine Sekkatur [Quälerei] der Leute, dass die das durchstehen mussten. Einen Freund habe ich dort gehabt, den Hansi, der ist eines Tages auch verschwunden.

Beim erbrochenen Essen. Wir beide sind am Tisch übriggeblieben, weil wir beide ins Essen erbrochen haben, und das mussten wir dann aufessen, und da waren wir zwei die Letzten, die das machen mussten, und da war auch der Hansi dort. Und das war sozusagen ein Vertrauter im Elend. Ihm ist es genauso schlecht gegangen wie mir.

Kohl, rote Rüben, Kraut, und zum Frühstück gab es diese komische Marmelade, das war so eine Schnitt-Marmelade, die war aus Kürbis, und die war rot und gelb. Und die hat nach überhaupt nichts geschmeckt. Da hat jedes Kind so eine Schnitte bekommen, das war wie ein Stollen, ein Marmelade-Stollen, und dazu hat man bekommen ein Stück Brot. War natürlich viel zu wenig, man hat immer Hunger gehabt. Und irgend so einen Muckefuck, hat das geheißen, so ein Muckefuck-Kaffee, das war so ein bräunliches Wasser. Es war kein Tee, das war kein Kaffee, des war so ein bräunliches Wasser. Und immer zu wenig zum Anziehen, also dieses Frieren war, das ist durch Mark und Bein gegangen. Da ist man innerlich so kalt, dass man sich wirklich... Man hat das Gefühl, man erfriert von innen nach außen. Und beim Essen habe ich immer, wenn irgendetwas schöner war als das andere, irgendein Stück Kartoffel nicht mit braunen Flecken und so, immer bis zum Schluss aufgehoben, das war immer das Letzte, was ich gegessen habe, damit ich die Erinnerung habe noch an die gute Kartoffel.

In der Früh war das Aufspringen aus dem Bett und neben dem Bett Stehen, und dann musste man in den Waschraum gehen, da waren so Wannen, und mit den Hähnen, das war nur kaltes Wasser, musste man sich waschen, und anziehen, und dann war Fahnenappell, und nach dem Fahnenappell gab es dann das Frühstück. Dann gab es noch so eine Art Schulunterricht, aber der war natürlich für mehrere Klassen gemeinsam, nicht. Und hauptsächlich, also mir fehlt in der Geographie ein Stück, weil in Geographie wurde ja nur Österreich und Deutschland gelernt, alles andere hat ja nicht existiert. Also bei Geographie ist mir das am meisten aufgefallen, dass ich eine große Lücke habe. Habe ich jetzt noch, dass eben manche Dinge noch nicht so präsent sind, aber in Geographie wurde wirklich nur Deutschland, und Österreich so am Rand..., nicht, das war das befreite Deutschland. Aber sonst, alle anderen Länder, das ist da... Es gab die bösen Russen, aber wo die gelebt und wo die gewohnt haben, wusste keiner, es gab auch die bösen Amerikaner, aber auch die waren weit weg. Aber wie die gelebt haben, das wusste auch keiner. Diese Länder wurden nicht beschrieben, es wurde nur der böse Mensch daraus beschrieben, und das war es. Und natürlich die ganzen Parolen, nicht. Mit der Ausbreitung und mit der Landnahme. Man hat ja sehr gezweifelt, dass wir ordentliche deutsche Kinder werden, aber man hat es ja dann doch immer versucht und so. Und wenn es dann geheißen hat: „Du bist kein deutsches Mädel“, war das eine furchtbare Beschimpfung, nicht.

Es gibt so Erinnerungen, die auch... Natürlich gab es auch positive Erinnerungen, diese Schwester, die war sehr lieb, die hat mit uns heimlich Wienerlieder gesungen, und wir mussten schwören, dass wir das niemandem sagen. Und diese typischen Heurigenlieder, „Mei Muatterl woar a Weanerin“ und so, hat sie mit uns gesungen und hat dann auch immer gesagt..., sie hat uns auch das Bewusstsein [für] Österreich beigebracht, also wir sind keine Deutschen, wir sind Österreicher, aber man darf es niemandem sagen. Das war die Einzige, die mit uns darüber geredet hat, nicht. Und das waren irgendwie auch die Lichtblicke. Was aus ihr geworden ist, weiß ich auch nicht. Es ist nicht das Furchtbare, es sind diese kleinen Tücken und diese kleinen Gemeinheiten und Bosheiten, die einem zu schaffen machen, nicht. Weil die großen Sachen, dass man von der Mutter weggerissen wird und einfach da verfrachtet wird in einen Autobus und wegkommt..., auch dann diese kleinen Sachen. Mit dem wird man schwer fertig.

Das war zum Beispiel ein Gesellschaftsspiel für die Pflegerinnen, wenn sie uns sekkiert haben, dass sie Sachen, die wir geliebt haben, kaputt gemacht haben. Wir haben Basteleien gemacht, aus Ästen haben wir uns halt irgendein Bett gemacht und ein Baby aus Zapfen und so weiter. Wenn sie gesehen haben, dass wir so etwas haben, haben sie das kaputt gemacht, mit Absicht. Und das war für uns eine Art Spiel, wie könnte es sein, wenn... Diese unnötigen Bosheiten verstehe ich auch heute nicht.

Am schlimmsten war der Herbst, mit dem Schlamm. Mit diesem aufgeweichten Boden, wo man immer hingeflogen ist. Bin ich einmal einen ganzen Hang hinunterge[rutscht]. Die Anlage dort beim Spiegelgrund ist ja sehr groß, die kennen Sie ja, diese Grünfläche. Wir sind über so einen Hügel gegangen, und ich bin ausgerutscht, bin hingeflogen und war voller Dreck, voller Schlamm, und ich musste das selber wieder putzen und sauber machen. Also die Vorstellung war entsetzlich. Und im Frühherbst war es wieder so schön, da haben diese Föhren so geduftet, die Zapfen haben so geduftet, das war irgendwie schön. Aber dieser Schlamm, dieses Herbstwetter, diese Kälte, die in die Knochen gegangen ist, die war garstig. Und, der Hunger war so, wir haben zum Beispiel zum Zähneputzen bekommen so ein Stück harte Zahnpasta, so einen Block. Und den habe ich gegessen, weil ich Hunger gehabt habe. Habe ich den ganzen Block gegessen, habe natürlich dann keine Zahnpasta gehabt zum Zähneputzen, bin natürlich wieder bestraft worden, aber in meinem Hunger habe ich diese Zahnpasta gegessen. Und diese ewigen Rüben, grau und braun und schleimig, und natürlich nur eingebrannt zu einem dicken Mehlbrei. Was man alles durchsteht. Es ist unwahrscheinlich, was der Mensch alles aushält, nicht. Man hat also Probleme damit. Im Moment, dass man es schafft, dass man nicht einfach sagt: Ich will nicht mehr. Da waren immer so Sendungen, und da ist einmal darüber gesprochen worden, wie die Leute in den KZ sich in den Stacheldraht geworfen haben und sich umgebracht haben. Und da wurde gesagt, es war kein Jugendlicher dabei, nur Erwachsene. Die Sucht nach Weiterleben, die dürfte der Jugend doch sehr innewohnen, dass man nicht das Leben auslöschen möchte, egal wie schrecklich es ist. Das war sicher für viele KZ-Angehörige einfacher, sich an den Zaun zu werfen und einen kurzen Stoß und dann die Qualen nicht aushalten [müssen], [anstatt] langsam dahinzusiechen. Aber die Jungen wollten das alle nicht.

Dass so ein Kind überhaupt, sagen wir, den Lebenswillen hat, das alles durchzustehen. Das wundert mich ja als Erwachsener immer wieder, dass ein Kind sich nicht einfach irgendwo hinlegt und sagt: „Ich will jetzt sterben.“ Komischerweise als Kind, man will nicht sterben. Wenn ich irgendwie höre, dass Leute so lebensüberdrüssig sind, sagen: „Ich möchte am liebsten tot sein“ und so. Als Kind will man nicht tot sein, als Kind will man satt sein, man will geliebt werden und man will eigentlich nicht sterben, egal was man einem antut, das Sterben ist eine Sache, die will man nicht. Weil, ich meine, es wäre ein Leichtes gewesen, mich da irgendwo hinunter zu stürzen oder so, das hätte ich schon geschafft, aber ich wollte nicht sterben, ich wollte eigentlich leben. Und glücklich leben.

Und dann gab es so Sachen, die sind so klein, und die rühren die Leute auch gar nicht so, zum Beispiel, dass während der ganzen Hitler-Zeit, dass keine jüdische Familie ein Haustier haben durfte, nicht einmal einen Kanarienvogel. Die durften kein Haustier haben, das war verboten. Genauso wie [sie] nicht auf Bänken sitzen durften im Park. Nur, das mit den Haustieren hat mich so getroffen, weil ich mir gedacht habe, das war vielleicht für diese Leute der einzige Halt, dass sie irgendein Geschöpf haben. Mussten sie abliefern, das war, das sind so kleine Dinge, die eigentlich ja nicht ins Wesentliche greifen, aber die natürlich eine große Unsicherheit machen, was ist hier noch erlaubt? Und ich kenne natürlich auch meine Wurzeln nicht, nachdem der Vater unbekannt war, weiß ich nicht, warum er unbekannt war. War das ein jüdischer Vater oder war das ein... Ich weiß nur, dass er Sozialdemokrat war, das weiß ich. Das hat mir die Mutti gesagt, aber was sonst mit ihm war, und wie er umgekommen ist, das weiß ich nicht. Also in der Richtung bin ich ohne Familie.

Und dieses „uneheliche Kind“, das hat sich dann so fortgezogen, in meiner ersten Ehe, am Standesamt: Name des Vaters, und ich musste sagen: „Unbekannt“. Und das hat mich dann noch als Erwachsene irgendwie belastet, weil unbekannt hat damals ja geheißen, kein Arier, nicht, weil Arier konnte man ja angeben, nicht, und wenn das ein jüdischer Vater war, dann war besser, dass man gesagt hat, unbekannt. Dieser Makel des unbekannten Vaters, der hat mich dann eigentlich noch später immer wieder verfolgt. Und dass das tödlich sein kann, wenn man den falschen Vater hat, dass es dann keine Chance mehr gibt in diesem Leben.

Es waren dann unsere Papiere weg, und ich nehme an, dass es wegen dem Ariernachweis war, weil sonst gab es keinen Grund. Wir haben überhaupt keine Papiere gehabt, es war alles weg. Also auch Taufschein und so irgendwas, das war alles verschwunden. Die dürfte die Mutti irgendwo weggeräumt oder verbrannt haben.

Es gab nirgends Unterlagen, Geburtsurkunde gab es keine, weil da wäre ja auch die Religion des Vaters vermerkt gewesen, und das war alles nicht vorhanden. Aus dem Heim bin ich dann mit den anderen Kindern geflohen. Da wurde das Heim aufgelassen, die Bewacher sind weg gewesen und auch die Erzieherinnen, und da sind wir Kinder allein davon gelaufen. Und da war ich in den Wäldern, bin dann irgendwo herumgeirrt in der Tschechoslowakei. Und meistens waren wir bei Bauern, wir waren da eine kleine Gruppe von Kindern, wir waren meistens bei Bauern, haben dort gebettelt um Essen und was anzuziehen. Sind wir dann immer kurze Zeit geblieben und sind wieder weiter gelaufen. Wir wollten wieder nach Hause, nach Wien. Und das Skurrile zum Beispiel war, dass mich diese Bauern ewig getauft haben. Ich war ein Nazi-Kind, und ich wurde getauft. Und am nächsten Tag haben wir schon gewusst, wenn wir Hunger haben und die geben uns was zu essen, muss man sagen, man will getauft werden. Da bin ich wieder getauft worden. Ich weiß nicht, wie oft ich in der Zeit getauft worden bin. Das gab es immer dafür ein Essen, und dann sind wir davongelaufen.

Und Bilder aus meiner Flucht in der Tschechei habe ich immer noch vor Augen. Da sind so erschossene Soldaten, und da haben wir immer geschaut, was die haben. Wir waren zu sechst, und, das klingt jetzt so furchtbar, aber wir haben als Kinder den Soldaten die Stiefel ausgezogen und ihnen die Stiefel-Fetzen gestohlen und geschaut, ob sie irgendetwas Essbares in den Taschen haben. Dann haben wir sie liegen gelassen und sind davongelaufen. Aber, wahrscheinlich, ein Kind, dass ohne Liebe ist, das wird eben so brutal und so grausam. Wir waren wirklich nur interessiert, wo liegt noch eine Leiche, wo kann man dem noch etwas wegnehmen, wo hat er noch irgendetwas, was man verwerten könnte. Das waren meine Märchen. Die eiserne Ration finden bei einem Soldaten, der erschossen ist oder erschlagen worden ist und so, das wäre natürlich ein Traum gewesen, nicht. Die bestand aus irgend so einem Kaugummi-Würfel und einem Stück Obst und einer Schokolade, und den Menschen haben wir liegen gelassen.

Ich bin auch der Mutter sehr viel davon gelaufen in späteren Jahren. Ich habe immer mein Stoffsäckchen gehabt mit den Essensresten, dass ich nicht verhungern muss, und bin davon gelaufen von zu Hause. Dann hat mich die Gendarmarie immer eingefangen und nach Haus gebracht. Keine gerade Kindheit gehabt, keine empfehlenswerte Kindheit, das war es nicht. Das Einzige, was ich gut verkraftet habe, war die Tuberkulose, die habe ich wirklich weggekriegt. Das war das Einzige, wo ich sagen kann, das ist gut ausgegangen. Also ich habe jetzt keine offene Sache.

Na ja, mit Glück noch davongekommen, unverdient. Man fragt sich dann immer, wieso gerade habe ich das Glück gehabt, dass ich überlebt habe, und die anderen nicht. Diese komische Schuldzuweisung, die man selber nicht versteht, aber die man immer wieder hat: Wieso habe gerade ich das Glück gehabt, was habe ich für einen Vorteil gehabt, den anderen gegenüber. Warum haben andere nicht das Glück gehabt?

Nach ’45 bin ich skurrilerweise in ein Kloster gegangen, in die Haushaltungsschule, habe die Haushaltungsschule gemacht drei Jahre, und war dort so..., es hat meiner Erziehung so entsprochen. Zum Beispiel durften wir dort nicht in der Mitte vom Gang gehen, sondern an der Wand entlang, das war die Demut. Das hat natürlich meinem geprügelten Innenleben entsprochen, dass ich sowieso nicht in der Mitte gehen wollte.

Einmal habe ich mich kurz verliebt in einen Mann, das war eine ganz kurze Episode, und der hat mir erzählt, er war als junger Soldat im Krieg. Da war eine Partisanin, und der haben sie eine Granate zwischen die Beine gebunden und angezündet und haben sie in die Luft geschossen. Und ich hab den dann nicht mehr getroffen, aber diese Geschichte ist mir immer noch in Erinnerung. Das war ein gebildeter junger Mann, also in meinen Augen ein netter Mensch, bis er mir das gesagt hat. Aber dass ein Mensch zu so etwas fähig sein kann, ist unfassbar.

Ich weiß auch nicht, was wirklich mit mir geschehen ist. Ich habe nie Kinder bekommen. Ich wollte immer Kinder haben, ob man mit mir irgendwelche Versuche gemacht hat oder nicht, das weiß ich nicht, jedenfalls ist es erwiesen, dass meine Eileiter beide verklebt waren. Ob das durch Verkühlung war oder durch irgendeine andere Sache, oder ob da irgendetwas mit mir..., das konnte man nie... Ich kann mich nur erinnern an dieses Ärztezimmer, und ich kann mich auch erinnern, dass immer der Name Groß gefallen ist. Der Primarius Groß, das war für mich immer der Name, der immer so ein Horrorszenario hervorgerufen hat. Ich weiß nicht, haben sie mit mir damals irgendetwas gemacht, es sind keine Unterlagen gefunden worden, dass diese Kinderlosigkeit, dass das von der Sache her stammt, ich weiß es nicht. Jedenfalls hat das nie geklappt. Ich hätte gerne ein Kind gehabt, um dem Kind das zu ersparen, was mir nicht erspart geblieben ist.

Diese unbestimmte Angst, die ist mir geblieben, die habe ich nicht losgekriegt. Ich habe zwar eine Therapie, aber diese Angst, die eigentlich keinen Namen hat, die sich irgendwie nur so wie ein Druck auf die Brust legt: Was wird jetzt sein? Was wird kommen? Was ist alles möglich? Und auf der Straße, wenn irgendwie ein Aufmarsch ist, wenn das auch eine ganz harmlose Geschichte ist, dann fliehe ich sofort in die nächste Seitengasse. Ich kann das nicht sehen. Ich kann auch keine Aufmärsche sehen. Das erweckt in mir solche Beklemmungszustände, bis zur Atemnot geht das. Also ich kann nur, wenn ich irgendwo einen Menschenauflauf sehe, dass ich mich nur zurückziehe, und dieses Verstecken, das wird wahrscheinlich bleiben. Und immer die Frage, bei jedem Menschen: Bist du für mich oder bist du gegen mich? Das war immer eine Überlebensfrage. Und die stelle ich auch jetzt immer irgendwo, wenn ich mit jemandem Kontakt habe: Auf welcher Seite steht der, auf welcher Seite stand der damals, und hätte dir der geholfen, wenn der das gewusst hätte, oder hätte der dir nicht geholfen? Das sind diese Fragen, die immer wieder kommen, die eigentlich ja nichts bringen. Ich bin auch niemandem böse. Man kann doch nicht jemandem böse sein, wenn das Böse so ohne Namen ist, wenn das Böse einfach dazugehört wie das Leben dort. Und das Böse hat dort dazugehört, das war der Alltag, und das wurde einfach nie angezweifelt: Warum? Das ist nicht richtig, warum machen die das? So ist es, und das muss man durchstehen.

Wenn ich mich nicht beobachte, ziehe ich beim Gehen immer den Hals ein, so als hätte ich ewig Angst, dass mir irgendjemand in den Nacken schlägt, mit einem Stock oder so, weil dieses Hals-Weh, immer, auch wenn eine Situation brenzlig wird, beginne ich die Schultern hochzuziehen und den Hals einzuziehen, um gewappnet zu sein für den ersten Schlag. Auch bei Dingen, wo ein anderer gar nicht erwarten würde, dass es überhaupt einen ersten Schlag gibt. Man ist durch diese Kindheitserinnerungen ein verkrüppelter Mensch. Man hat seine Schrammen, und man hat seine Narben, und man kann die irgendwie nur zudecken, aber das ist alles nur notdürftig, in Wirklichkeit kann man sie nicht wegdenken, und die Narben bleiben dann ewig, die wird man nicht los, auch die Ängste.

Das Aufwachen in der Früh, und ich werde munter, und ich sage mir, ich bin jetzt alt, und es ist vorbei, und es kommt für mich sicher nicht mehr wieder, das ist jedes Mal in der Früh mein Ritual, dass ich mir das vorsage. Du hast es überstanden, und es ist vorbei. Im Munterwerden glaube ich, ich sei..., schlafend, in diesem Dämmerschlaf, bin ich mir gar nicht so sicher, dass ich das alles überstanden hätte. Wer gibt mir die Garantie dazu, dass das nicht alles wiederkommt, in irgendeiner Form? Weil Sie können jetzt nicht sicher sein, dass Sie in 10 Jahren noch das sagen dürfen, was Sie denken, was Sie sagen wollen. Und diese Angst, die habe ich natürlich immer noch im Hinterkopf. Was wäre, wenn. Sie kennen das alles nicht, Sie sind ein Nachgeborener.

Nein, ich war nicht mehr in dem Gelände drinnen. Ich bin gekommen bis zum Eingang, wo der Autobus die Haltestelle hat, so weit bin ich gekommen. Dann bin ich umgekehrt und bin wieder nach Hause gegangen. Ich schaffe das nicht. Und ich habe sehr lang nicht darüber geredet, also mein späterer Mann hat nie etwas davon gewusst. Ich habe nie mit ihm darüber gesprochen. Ich habe Angst gehabt, dass er das Ganze nicht verstehen wird und dass er irgendwie [über] das Ganze sagt: „Das ist ja nur eine Lappalie, das ist ja lächerlich und ist vorbei“ und so, davor habe ich Angst gehabt. Ich habe ihm nichts davon erzählt. Es ist auch schwer, irgendjemandem davon zu erzählen, wenn man sich das gar nicht vorstellen kann.

Ich möchte gerne nochmals leben und diese ganzen Sachen, mir kommt das vor wie ein Teppich mit lauter Fehlern, ich möchte nochmals leben und eine normale Kindheit haben mit Freundinnen und mit einer Familie, wo ich nicht zittern muss, dass man mich jeden Tag abholt, dass, wenn es an der Tür klopft, dass ich wieder abgeholt werde. Weil das war immer das Zeichen, wenn man mich wieder irgendwohin gebracht hat, dieses Klopfen an der Tür. Und das bekommt man auch nicht los. Und ich bin ewig auf der Flucht. Ich habe immer ein Päckchen zusammengeschnürt mit Speisesachen, mit Nudeln und Reis und Salz und Zucker, dass wenn es plötzlich klopft, dass ich plötzlich bereit bin, ich bin jederzeit bereit zu fliehen. Ich habe immer eine zweite Garnitur auch Unterwäsche und Seife und alles Mögliche in diesem Päckchen drinnen, also ich kann jederzeit fliehen, und das das habe ich auch nicht abgelegt, jetzt all die Jahre.