13 "Gemeinschaftsfremd"

Die Verfolgung abweichenden Verhaltens im Nationalsozialismus
13.1 Bericht über "Asozialenbekämpfung" Teil 1
13.1 Teil 2 Bericht über "Asozialenbekämpfung"
13.2 Flugblatt "Wer ist gemeinschaftsunfähig (asozial)?"
13.3 Zeugenaussage einer ehemaligen Steinhof-Insassin Teil 1
13.3 Teil 2 Zeugenaussage einer ehemaligen Steinhof-Insassin
13.4 Alfred Hackel
13.5 a+b Briefe Dr. Vellguths über "Zigeunerlager" Teil 1
13.5 a+b Teil 2 Briefe Dr. Vellguths über "Zigeunerlager"

Als "asozial" (oder "gemeinschaftsfremd") galten verschiedenste Formen abweichenden Verhaltens. Das entscheidende Kriterium war die Anpassung an die nationalsozialistische "Volksgemeinschaft". Die "Asozialenbekämpfung" richtete sich vor allem gegen soziale Randgruppen: SozialhilfeempfängerInnen, BettlerInnen, "Arbeitsscheue", Nichtsesshafte, AlkoholikerInnen, Prostituierte u.a. Diese wurden von der NSDAP, der Polizei, den Arbeits-, Wohlfahrts-, Jugend- und Gesundheitsämtern erfasst und an eine so genannte "Asozialenkommission" gemeldet, die über die Einweisung in ein Arbeitslager entschied.

Die Initiative zur Gründung eines "Arbeitserziehungslagers" für Männer ging ursprünglich von der Wiener Gemeindeverwaltung aus. Im Jahr 1941 wurde das Lager in Oberlanzendorf errichtet und der Gestapo Wien unterstellt. Die Haftbedingungen waren denen in einem Konzentrationslager vergleichbar, allerdings war die Haft auf einige Wochen beschränkt: Nach massiver Einschüchterung durch den Aufenthalt im Lager sollten die Betroffenen wieder möglichst schnell in den Produktionsprozess eingegliedert werden. Das Lager fasste bis zu 2.000 Personen, neben so genannten "Asozialen" waren vor allem ausländische Zwangsarbeiter inhaftiert.

Für Frauen existierten zwei "Arbeitserziehungslager": eines in der Krankenanstalt Klosterneuburg und eines im Pavillon 23 der Anstalt Steinhof. Der Lageralltag war geprägt durch harte Zwangsarbeit, Demütigungen und Quälereien. Rund 650 Frauen waren im Laufe des Krieges in einer der beiden Anstalten inhaftiert, eine unbekannte Zahl von ihnen musste sich überdies einer Zwangssterilisierung unterziehen

Die Gestapo wies "Asoziale" auch in Konzentrationslager ein, wo sie den "schwarzen Winkel" tragen mussten. Roma und Sinti wurden einerseits aus rassistischen Motiven, andererseits unter dem Vorwand der "Asozialität" verfolgt, wobei das Hauptgesundheitsamt einen erheblichen Beitrag zur Erfassung und Deportation der Wiener "Zigeuner" leistete. Im Zuge der zunehmenden Radikalisierung der NS-Herrschaft gerieten sie in die gleiche Vernichtungsmaschinerie wie die Jüdinnen und Juden. Allein aus Österreich wurden mehr als 9.000 "Zigeuner" (bei einer Gesamtbevölkerung von 11.000 bis 12.000) in Gettos und Vernichtungslagern ermordet.