TitleVertreibung und Verfolgung. Zur Geschichte der österreichischen Medizin im 20. Jahrhundert
Publication TypeJournal Article
2001
AuthorsHubenstorf, Michael
JournalJüdisches Echo
Pagination277-288
Date Published2001
Michael Hubenstorf, Vertreibung und Verfolgung. Zur Geschichte der österreichischen Medizin im 20. Jahrhundert, in: Jüdisches Echo (2001), 277-288. [keine Fußnoten]Gegengeschichte der Medizin im 20. Jahrhundert: "Ihr wesentlichstes Merkmal im 20. Jahrhundert ist ein historischer Bruch, der spätestens ab den frühen dreißiger Jahren sichtbar wurde und um 1950 in den internationalen medizinischen Kontakten und Bezugnahmen ein neues, stabiles Muster etalbiert hatte, das von der unübersehbaren Dominanz der Vereinigten Staaten von Amerika bzw. der angloamerikanischen Welt gekennzeichnet war." viele Dimensionen: ->geographische Verlagerung der globalen Zentren der Medizin, die Veränderung der Kommunikaitonswege und -mittel, den Wechsel der vorherrschenden Wissenschaftssprache von Französisch und Deutsch zum Englischen und zweitweise zum Russischen ->als Grundlage all dessen: vor allem eine Diskontinuität der medizinischen Institutionen und ihres Personals nicht nur in Deutschland und Österreich, sondern in praktisch allen Ländern Zentral-, Ost- und Südosteuropas, in geringerem Ausmaß auch in Italien, Frankreich und Spanien und natürlich in Ost- und Südostasien: Japan, Korea, China, Indonesien -> zunehmende Einschränkung der transnationalen beruflichen Mobilität; beginnende mit dem Ersten Weltkrieg, weltweit kulminierend in den 30er und 40er Jahren -> eklatantester Bruch der medizinischen Ethik (Euthanasiemorde, Menschenexperimente; aber auch Psychochirurgie, Sterilisisation, Kastration, Schocktherapien) -- zitiert: Rudolf Ramm, Sechs Monate ärztliche Aufbauarbeit in der Ostmark, in: Ärzteblatt für die deutsche Ostmark (1938), 219-221. -- S. 278: jüdische Statistik vom Jänner 1938 (aus Gründen der Abwehr des Antisemitismus begonnen): 50 % der Wiener Ärzte und Ärztinnen Mitglieder der Kultusgemeinde "Der deutliche Unterschied (15 Prozent oder rund 750 Personen) markiert das hohe Maß der Assimilation, der Konversion und Mischehen, welche für die Wiener Kultur und gerade die Medizin typisch war. Vom Zeichen der Toleranz bis zum befürchteten Niedergang des Judentums reichten die einander widersprechenden Deutungen." auf deutsch-völkischer Seite: Anteil von 75 bis 80 Prozent kursierte; u.a. zu finden in den Erinnerungen des ehem. Bundespräsidenten Michael Hainisch oder im Wr. Journalismus der 70er und 80er Jahre (Ilse Leitenberger, Viktor Reimann) Erklärung: Mitgliederzahl des Vereins deutscher Ärzte in Österreich (Arierparagraph!) wurde zur Gesamtzahl der Ärzte in Beziehung gesetzt wie konnte die med. Versorgung nach der Vertreibung so vieler Ärzte sichergestellt werden? -> "in der NS-Zeit setzte genau jene Praxis der ärztlichen Vielfachbeschäftigung ein, die noch Jahrzehnte danach gängige Praxis bleiben sollte, während die Standespolitik der zwanziger Jahre peinlich genau darauf bedacht war, eben dieses zu verhindern." -> mehrere Dutzend, vielleicht sogar ein- oder zweihundert geflüchtete Ärzte kehrten 1938 zurück -> christlich-vaterländische Ärzte aus Niederösterreich wurden durch ein so genanntes Gauverbot zur Übersiedlung nach Wien gezwungen -> Junge Ärztinnen und Ärzte übersiedelten aus Graz, Innsbruck oder Klagenfurt nach Wien [wohl auch: arbeitsloser oder unterbeschäftigter Nachwuchs, Zuzug aus Altreich -- Austausch von ärztlichem Personal hatte jedoch schon viel früher, nämlich 1934/35, begonnen: "Jüdische Ärzte wurden in Wien gar nicht mehr angestellt, zum nächstmöglichen Zeitpunkt aus ihren Verträgen entlassen oder auf unbezahlte Assistentenstellen gesetzt. Der Selbstmord der jungen Kinderärztin Ilse Zimmermann von 1936 - sie war zwei Jahre zuvor aus dem Berufsberatungsamt der Stadt Wien entlassen worden - markierte für das Mitteilungsblatt der Vereinigung jüdischer Ärzte in Wien ein Fanal des Berufselends der jungen jüdischen Ärztegeneration" zugleich: massiver Nachschub von Neuabsolventen; besonderer Drang von nichtjüdischen Studentinnen zur Medizin -- Wiener Universität: 51 Prozent aller medizinischen Hochschullehrer entlassen (178 von 352) im Vergleich zur Gesamtärzteschaft etwas geringer Grund: verschiedene Diskriminierungsmechanismen an den Hochschulen, die seit Geltung des Staatsgrundgesetzes von 1867 nie völlig abgebaut worden waren von 15 Wiener Klinikchefs: nie mehr als zwei jüdischer Herkunft theoretische Fächer: etwas anders Bild (Zuckerkandl und Tandler in Anatomie; Ernst Peter Pick, Pharmakologie; Erich Fromm und Otto Fürth, med. Chemie; Max Neuburger, Geschichte der Medizin; Otto Marburg, Neuropathologie; Alfred Fischel, Embryologie; Oskar Störck, path. Histologie; Wolfgang Pauli sen., physikalisch-chemische Biologie usw. ähnliche Struktur bei der Besetzung der Primariate der Krankenhäuser oder bei den Fachärzten "Nur fünfzig Prozent der niedergelassenen Fachärzte waren nach NS-Definition jüdisch, aber 63 Prozent der Praktiker, 69 Prozent der übrigen, also in Ausbildung stehenden, unbeschäftigten, in anderen Bereichen tätigen oder pensionierten Ärzte." gravierende Unterschiede nach Fachrichtungen: 70 % der Nerven- und Kinderärzte; 68 % der Hautärzte usw. [siehe Ramm] "Im großen und ganzen kann man sagen: Die Spitzen der Hierarchie und des Prestiges blieben männlichen Nichtjuden vorbehalten. Die Karriere jüdischer Ärzte endete praktisch immer beim Titular-außerordentlichen Professor - Siegmund Freud mußte darauf immerhin [278/279] 17 Jahre warten." Zentren der meist liberal orientierten jüdischen medizinischen Elite: Privatspitäler, mehrere Vereinskrankenhäuser, Krankenbesuchsinstitute wie die Poliklinik oder das Mariahilfer Ambulatorium und natürlich jüdische Einrichtungen (Rothschildspital, Jüdisches Altersheim, Kinderambulatorium in der Rauscherstraße) von den öffentlichen Spitälern: vor allem das Wiedner Krankenhaus (existiert heute nicht mehr) im sozialdemokratischen Bereich: Positionen in der Arbeiter- und vor allem der Angestellenkrankenkasse; diverse Kassenambulatorien und Krankenhauseinrichtungen praktisch verschlossen: städt. Krankenhaus Lainz; fest in der Hand christlichsozialer oder deutschnationaler Ärzte Obmann des NS-Ärztebundes in Österreich, der Urologe Friedrich Kroiss, kam aus dem KH Lainz ND: 170 jüd. Ärzte (15 %); verm. von Ramm Graz: ein einziger jüdischer Hochschullehrer 1938: Nobelpreisträger von 1936, Otto Loewi Innsbruck: drei Hochschullehrer schieden aus für Österreich insgesamt: von 10.000 Ärzten (und Ärztinnen) im ganzen Land wurde 1938 ein Drittel aus dem Beruf verjagt insgesamt: Radikaler Bruch an der Basis des ärztlichen Systems; weitgehende Kontinuität an der Spitze zusätzlich: rund 7 Prozent der Hochschullehrer wurden aus politischen Gründen entlassen (zumeist "vaterländische" Konservative wie Karl Fellinger, Leopold Arzt) daraus ergaben sich zwei Verzerrungen in der Wahrnehmung nach 1945: Zäsur von 1938 wurde als politische innerhalb der pol. Rechten wahrgenommen; auch aus der Deutung des Bruches von 1934 verschwanden jüdische Ärztinnen und Ärzte -- jüdischer Ärzteanteil in Deutschland: rund 17 Prozent, also halb so hoch wie in Ö Konzentration auch hier in den großen Städten: Berlin, Breslau, Hamburg, Frankfurt und Köln nach 1933: rund 10.000 deutsche Ärzte suchten international nach neuen Berufsmöglichkeiten 1938: etwa 3400 Österreicher kamen dazu Polen: 1931 etwa 56 % jüd. Ärzte, Ungarn 1920 fast 60 %, Slowakei 40 %; ähnlich in Tschechien, Rumänien, Litauen oder Lettland (alle nach Religionsdefinition) Österreich: Zwischenstellung zwischen Osteuropa und Deutschland sowohl was die jüdische Demographie, als auch den Antisemitismus betrifft -- Gründe für die jüdische "Überrepräsentation" im Ärzteberuf: jüdische Eltern hatten weniger Kinder und verwandten mehr Energie auf deren Ausbildung Merkmale der Modernisierung, die unter der jüd. Bevölkerung früher Platz griffen Absolventen: angesichts des Antisemitismus in den Bundesländern blieben sie in Wien Offiziers- und Beamtenlaufbahn: verschlossen daher vielversprechend: Journalismus, Börsen- und Handesagenturen, nichtbeamtete juristische Laufbahnen und Medizin ab 1910 auch verstärkt Angestelltenberufe sowie die technische und ökonomische Intelligenz Wien: eines der Weltzentren jüdischer Ärzte (ab 1900 auch Ärztinnen) zusammen mit Berlin, Paris, Prag, Budapest: Wien gehörte zu den Zentralen des Aufstiegs jüdischer Ärzte auf der ganzen Welt - "von hier aus erst spannte sich ein Bogen in die USA" [279/280] in USA (und Kanada): med. Ausbildung von Juden wurde noch lange behindert daher: Mehrzahl der amerikanischen (Medizin-)Studenten in Europa war jüdisch viele US-Ärzte kamen auch zur Postpromotionellen Ausbildung nach Wien American Medical Association of Vienna: bis 1938 einige hundert Mitglieder Weltverband jüdischer Ärzte: Sitz bis 1938 in Paris und Wien "Es ist gerade diese besondere historische Bedeutung der Wiener Medizin für jüdische Ärzte, welche die Ereignisse ab 1938 zur ganz besonderen Enttäuschung mit lange nachwirkenden Folgen machte." Beispiele für spezifischen ärztlichen Antisemitismus vor 1938: Anton Rosas (1842) Joseph Hyrtl Theodor Billroth (1875/6) Mitte der 1880er: korporierte Studentenschaft mit dem "Waidhofener Prinzip" (Satisfaktionsverweigerung) wurde zur akademischen Trägerschicht des Antisemitismus 1891: Wiener Ärzteverein auf ezklusiv arischer Basis gegründet Krankenkassenverwaltungen und Krankenkassenstellen: hier setzten sich Juden eher durch; sie hatten diese früh als ökonomische Chancen begriffen, während der Großteil der nichtjüdischen Kollegen das Odium der "Proletarierpraxis" mied Aufstieg sozialdemokratischer Kassenvertreter durch Wahlen unter der Arbeiterschaft setzte sich durch "Jene ärztliche Ideologie aber, die in sozialdemokratischen Kassenverwaltungen ihren Hauptfeind erblickte, setzte sich jedoch nach den Zäsuren von 1938 und 1945 weiter fort, nach 1945 nur ihres antisemitischen Elements entkleidet." Wr. Ärztekammerwahl 1903: Antisemiten erreichten zwischen 40 und 45 % der Stimmen danach: keine direkte Konfrontation der Lager mehr; Proporz wurde im Rahmen einer Einheitsliste vor den Wahlen ausgehandelt hinter den Kulissen: Kämpfe der Fach- und Statusgruppen; getaufte Juden galten dabei als Juden; daraus wird deutlich, "daß längst jene Definition galt und Praxis war, derer sich 1938 schließlich die Nationalsozialisten bedienten." Folgen: Mehrheit konnte emigrieren Bericht des Wiener Ärztekammerpräsidenten Hans Karmel, "Kunde von den emigrierten Ärzten Österreichs" in der Österreichischen Ärztezeitung von 1946: 2214 Ärztinnen und Ärzte aus Österreich gelangten in die USA [280/281] rund 350 in Großbritannien beträchtliche Zahl unter ihnen erhielt eine temporäre Registrierung auf Kriegsdauer britisches Diplom: bis 1946 nur 50 Ärzte und 40 Zahnärzte über 130 Ärzte (keine Ärztin) nach Shanghai "Die meisten jener Shanghai-Flüchtlinge hatten jedoch zusätzliche Verfolgung erlitten. Sie gehörten vielfach zu den Verhafteten der Reichspogromnacht vom 9. November 1938, hatten die Konzentrationslager Dachau oder Buchenwald überlebt und mußten nach ihrer Entlassung das Deutsche Reich schnellstens verlassen. Shanghai gab ihnen Zuflucht, bis dort 1941 die japanischen Besatzer die jüdischen Flüchtlinge im Ghetto Hongkew, in dem unbeschreibliche Zustände herrschten, zusammenpferchten." nach der chinesischen Revolution: die meisten wollten in die USA, Israel oder auch Australien weiterwandern; viele kehrten nach Österreich zurück, um ihre Quotennummer (von 1938) abzuwarten Palästina: mindestens 70 1936: 1. Weltkongreß jüdischer Ärzte in Jerusalem, große Wiener Delegation Max Neuburger: wichtiger Vortrag zur jüdischen Ärztetradition weitere Zahlen von Hans Kermel: Argentienien: 36 Schweiz: 30 außerdem Frankreich, Afrika, Indien, Bolivien und Argentinien nicht aufschienen: Belgien, Holland, Schweden, Türkei oder Afghanistan möglicherweise über 80 % der Ärzte Österreichs gelang die Flucht ins Ausland allerdings: Zahlen für USA von starkem Unsicherheitsfaktor belastet nach Bestallungsentzug im Oktober 1938: 373 Ärzte als Krankenbehandler zugelassen 1942: nur mehr wenige Dutzend Ärzte, meist in höherem Alter, verblieben in Wien [281/282] Zahl der Ermordeten unbekannt, bis heute nicht angemessen gewürdigt prominente Überlebende der Lager: Neurologe Viktor Frankl; Orthopäde Alfred Saxl; experimenteller Pathologe Michael Eissler-Terramare; die wegen Fluchthilfe für Juden nach Auschwitz deportierte Ella Lingens schon 1938: rund zwei bis drei Dutzend Selbstmorde (z.B. der aus Berlin nach Wien geflüchtete Nestor der deutschsprachigen Gastroenterologie Ismar Boas) und plötzliche Todesfälle unter "unklaren Umständen" kleine Gruppe von Ärztinnen und Ärzten: schaffte es bis zuletzt, im Krankenhaus der Kultusgemeinde, weiterzuarbeiten aus Rothschildspital in die Malzgasse verlegt; Rothschildspital in SS-Lazarett umgewandelt zuletzt: medizinische Behandlung der ungarischen jüdischen Zwangsarbeiter in Wien 1945: Verhaftung und Prozess gegen Leiter des Gesundheitswesens der Kultusgemeinde und später Chefarzt der Wiener Gebietskrankenkasse Emil Tuchmann (Freispruch) Erwin Stransky und Otto Kauders: prominente Beispiele für Überlebende in geschützer Mischehe "Die vom NS-Regime erzeugten unmenschlichen Zwänge resultierten jedenfalls in einer Fülle höchst unterschiedlicher Verfolungsschicksale, die kaum jene Homogenität und Ansatzpunkte zu späterer Zusammenarbeit herstellten, welche von vorurteilsbehafteten und uninformierten Zeitgenossen bzw. den vielfach zur Idealisierung neigenden Nachgeborenen unterstellt wurden." organisatorische Änderungen: Spital der Israelitischen Kultusgemende konnte nach 1945 extrem verkleinert fortgeführt werden, erlangte aber nie wieder die Bedeutung es verschwanden: jüdisches Kinderambulatorium, das mehr als 150 Jahre alte 1. öffentliche Wiener Kinderkrankeninstitut, das Mariahilfer Ambulatorium sowie die Ambulatorien der verschiedenen psychotherapeutischen Schulen Allgemeine Wiener Poliklinik: wurde zum normalen Wr. Gemeindespital; als Spätfolge: Auflösung vor mehreren Jahren "ähnlich erging es" [was bedeutet das genau?]: Spital der Wr. Kaufmannschaft Privatsanatorien (Löw, Fürth, etc.) mehreren psychiatrischen Privatanstalten Einrichtungen aus der Tradition der Wiener Frauenbewegung (Entbindungsheim Brigittaspital) spezialisierte Krebs-Krankenhäuser ausländischer Stiftungen (Childs-Stiftung, heute Privatklinik; Pearson-Stiftung) "Der medizinische Pluralismus, den sie alle hochgehalten hatten und der primär auf der Arbeit jüdischer Ärztinnen und Ärzte beruht hatte, war damit auf lange Zeit verlorengegangen. Die vielgestaltigen Traditionen und Formen ambulanter medizinischer Behandlung machten einem zumeist starren, hochzentralisierten System der Gesundheitsverwaltung Platz. Die medizinisch-innovative Tradition der Wiener Krankenkassen-Ambulatorien ist heute selbst bei der Wiener Gebietskrankenkasse in absolute Vergessenheit geraten. Ob die in den letzten dreißig Jahren fortgesetzten und als jeweils allerletzter Fortschritt bzw. ökonomische Notwendigkeit gepriesenen Schließungen kleinerer Einrichtungen und Ersetzung durch große Neubauten ohne das Jahr 1938 und seine Folgen je hätten durchgesetzt werden können, ist stark zu bezweifeln." NY: Vienna Medical Circle setzte über 40 Jahre lang die Gesellschaft der Ärzte in Wien fort Verdoppelung der Tradition der Wiener Medizin nach 1945: kaum wirkliche Wiederbegegnung [282/283] nach Staatsvertrag 1955: Interesse an Emigranten in USA etc. flaute stark ab in der medizinischen Arbeit: gravierender Verlust an Internationalität nach 1938 Sprachkenntnisse der in Wien tätigen ArztInnen: wesentlich geringer; ebenso internationale Kontakte und Auslandserfahrung medizinisch-wissenschaftliche Gesellschaften Wiens: lösten sich 1938 allesamt auf oder wurden durch Neugründungen ersetzt Nachkriegsplanung NS-Wissenschaftspolitik: Funktion des ehemaligen Österreich wurde in Einfluss und Propaganda nach Mittel- und Südosteuropa verortet "Mit Ausnahme einiger Traditionsbildungsversuche des ersten Nachkriegsjahrzehnts läßt sich der intellektuelle Verlust am Schicksal einer der prominentesten Einrichtungen, der Gesellschaft der Ärzte in Wien, nur allzu deutlich ablesen. Es ist zu bezweifeln, ob ihre Vorsitzenden bis in die allerjüngste Zeit je verstanden haben, welches medizinisch-intellektuelle Erbe ihnen eigentlich anvertraut war." ohne offene Diskussion der Folgen von Vertreibung und Verfolgung: sind auch solche Einsichten verstellt auch positive bzw. neutrale Elemente der Zeitgeschichte können nicht erinnert werden, weil sie zu nahe an das zu Vergessende rühren würden Folgen: Niedergang und Verfall ganzer wissenschaftlicher Bibliotheken, die ein Unikat in der Welt darstellen; Zerstörung und Verlust (nach 1945!) von Archiven, Nachlässen, Erinnerungsstücken etc.. schwerer auszumachen: kognitive Brüche im medizinischen Denken These des Wiener Ordinarius Paul Fuchsig 1969: Dominanz von Ferdinanz Sauerbruch (Karriere von 1910 bis 1949)hat die deutschsprachige Chirurgie um Jahrzehnte zurückgeworfen [283/284] Neurologie und Neurowissenschaften; Psychotherapie: 1938 Verlust von teilweise 90 % des Personals Universitäts-Pädiatrie und Heilpädagogik; ähnlicher Bruch bereits um 1930, 1938 auf unteren Ebenen nachvollzogen Tradition österreichischer Sozial- und Arbeitsmedizin: bereits um 1921 weitgehend abgebrochen worden Ludwig Popper (1950 aus der bolovianischen Emigration zurückgekehrt): versuchte daran anzuknüpfen Psychoanalyse und Psychotherapie: Bruch längst evident "In vielen Bereichen konstitutierte einfach das Übrigbleiben einiger weniger intellektueller 'Autoritäten' eine massive Einschränkung der Entwicklungsmöglichkeiten, des intellektuellen Pluralismus, der Unabhängigkeit und Innovationsfähigkeit des wissenschaftlichen Nachwuchses." personalpolitischer Nutznießer des erneuten "Kahlschlages" (75 Prozent der medizinischen Hochschullehrer wurden in Wien 1945 entlassen): katholische Intelligenz in der Medizin; erreichte nie dagewesene Dominanz bis in die 60er Jahre bereits 1948: Karmels Nachfolger in der Wiener Ärztekammer, Orthopäde Alexander Hartwich, signalisierte, dass Wien viel zu viele Ärzte habe und Remigranten sich kaum Hoffnungen auf ein gutes Fortkommen machen dürften 1945: eklatanter Ärztemangel, die entscheidenden Positionen gingen an die bereits im Lande Anwesenden, also zumeist die politisch Entlassenen der katholisch-vaterländischen Tradition Psychiatrie und Neurologie: mit Hans Hoff 1950 einen prominenten Rückkehrer Anatomie: bis 1952 unbesetzt; Kinderheilkunde bis 1949 (Schweizer Kandidat stand zur Diskussion, Berufung scheiterte an jüdischer Herkunft) entscheidende klinische Fächer: u.a. Ernst Lauda, Wolfgang Denk, Hans Finsterer oder Lorenz Böhler; hatten im Juli 1939 über das Auslandsamt der (NS-)Dozentenschaft einen offenen Brief versenden lassen Anlaß: Wr. Arzt J. Landmann hatte eine VErlagerung der Amercian Medical Association nach London und die dortige Etablierung einer Veinna Medical Scholl (in Exile) vorgeschlagen 13 Wiener Hochschullehrer: protestierten dagegen beschuldigten Landmann, " (of) evidently nursing jewish pathological hatred"; zur Verfolgung von Ärzten in Wien: "we the undersigned, know of not one case of pesecution of a professor for his racial or religious adherence"; "The truth is that jews are no longer allowed to teach non-jews. (...) But jewish professors and lecturers are still allowed to teach in jewish institutions such as the Rothschildspital." Wolfgang Denk: Universitätsrektor des Jahres 1948/49 --- Max Tobis 1941 "Wohlfahrtsreferent für die Ärzte des Landes Österreich und Kommissar für die jüdischen Krankenbehandler bei der KVD Wien" zum 80. Geburtstag lobenden Artikel in der "Österreichischen Ärztezeitung" wenige Jahre später: ehrender Nachruf [284/285] 1954: ehemaliger NS-Ärzteführer Österreichs, Oskar Kauffmann, wird zum Präsidenten der Kärntner Ärztekammer gewählt Chefarzt der Klagenfurter Psychiatrie 1942 bis 1945 Planungsreferent des Reichsärzteführers Leonardo Conti Tod 1955, Nachruf in Österreichischer Ärztezeitung ebenfalls 1954: Planner-Plann in Kammverversammlung und -Vorstand Hermann Knaus: Primarius in Lainz, nicht mehr Univ.-Prof. als Spitzenkandidat einer dem VdU nahestehenden standespolitischen Liste zurückgetreten, um Planner-Plann Platz zu machen CV: nahm nach 1945 im allgemeinen eine recht rigorose interne Entnazifizierung vor seit 1945 in der Standespolitik dominierend: Vereinigung österreichischer Ärzte wurde bereits ab 1954 mehr und mehr zur Minderheit hatte ihre Mehrheiten seit 1950 mehr und mehr durch die Einbindung deutschnationaler Kandidaten abgesichert; diese liefen ab 1954 reihenweise zum VdU über Kandidatenlisten der Sozialistischen Ärztevereinigung zu Ärztekammerwahlen zwischen 1950 und 1970: kaum irgendwelche bekannteren Namen aus der NS-Zeit; in Bundesländern wie Kärnten, Steiermark und Oberösterreich gibt es sporadische Beispiele sozialistische Ärzte: behielten zunehmend von Marginalisierung bedrohten Minderheitenstatus; ab Mitte der 50er versuchten sie vielfach, mittels Bereichskoalitionen mit Ärztelisten der Ehemaligen daraus auszubrechen, um bald wieder zur großen Koalition zurückzukehren "Ehemalige Spanienkämpfer, Emigranten oder Verfolgte des Naziregimes garantierten aber in Wien im wesentlichen für Grundsatztreue, allein schon aus Konkurrenz zu den noch bis 1958 kandidierenden kommunistischen Ärzten. Denn innerhalb der 1950 gegründeten Vereinigung der verfolgten Ärzte, auch eine solche gab es, waren gerade kommunistische Wahlkandidaten prominent vertreten." anders: in nicht direkt kandidierenden oder eher lose geknüpften Vorfeldorganisationen wie z.B. der Arbeitsgemeinschaft Arzt und Seelsorger (kath.); ehemaliger Assistent von Heyde war hier Mitglied; dem Österreichischen Akademikerbund (ÖVP) oder dem Felix-Mandl-Kreis im Umkreis des BSA. Mandl: Chirurg und SPÖ-Gemeinderat, aus Palästina zurückgekehrt Paravent ehemaliger SS- und SA-Mitglieder in NÖ, OÖ und K: Namenslisten mit beträchtlichen Zahlen von 1945 Entlassenen oder expliziten NS-Ärztefunktionären errangen beträchtliche Erfolge [285/286] wichtige Erinnerungsspur an die Emigranten: Ernst Musil - Leiter des Auslandsreferats der Wiener Ärztekammer, zugleich Leiter der Gesundheitssektion der Österreichischen Liga für die Vereinten Nationen immer wieder Meldungen in der Ö. Ärztezeitung über Ernennungen, Jubiläen etc. von emigrierten österreichischen Ärzten auch in der Wiener klinischen Wochenschrift immer wieder zu finden Bruch: 1962 schon ab 1954/55 Kommitee junger Ärzte (später: Österreichisches Ärztekommitee), Fritz Daume ab 1962: Aktion freier Arzt (Richard Piaty, Stm.) schoben die frühere parteipolitische Orientierung beiseite; VdU und FPÖ verschwanden aus der Standespolitik Orientierung an klaren berufspolitischen Forderungen [287/288] Erinnerung: verschwindet praktisch völlig letzte halbe Seite: über Van-Swieten-Gesellschaft Vorläufer: in Zwischenkriegszeit wichtige Figur: Gerhart Harrer [nicht mehr exzerpiert]